Ein bisschen wie Peter Lustig in seinem Bauwagen: Minihäuser sind im Trend – eine Firma aus Hamm verschifft sie in die ganze Welt. Vor dem Kauf aber sollte man ein paar Dinge beachten.

Werne/Hamm/Ascheberg

, 07.07.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der blaue Bauwagen von Peter Lustig aus der Kindersendung „Löwenzahn“ war vielleicht das erste Tiny House, mit dem die Dreißiger und Mittdreißiger damals in Verbindung kamen. Urgemütlich, ein bisschen schräg, fast wie die deutsche Villa Kunterbunt. Nur – und das ist der entscheidende Unterschied – viel viel kleiner.

Peter Lustig und sein blauer Bauwagen – das war Kindheit. Und die Kinder von damals stehen heute vielleicht vor der Entscheidung: Haus kaufen oder nicht? Kredit aufnehmen oder weiter Miete zahlen? Wie sieht’s überhaupt aus mit der Bonität?

Kleiner wohnen im Minihaus: Das muss man vor dem Kauf beachten

Der Schauspieler Peter Lustig aus dem ZDF-Kinder- und Jugendprogramm „Löwenzahn“ steht am 24. Juni 2004 in einer Drehpause im Kostüm des Alten Fritz vor seinem legendären Bauwagen in Marquardt bei Potsdam. © dpa

Den blauen Bauwagen gibt es heute immer noch. Er steht Besuchern im Potsdamer Filmpark Babelsberg offen. Ein kurzer Ausflug in das genügsame Leben. Aber wirklich drin wohnen? Will man das? Oder doch Abbezahlen bis kurz vor der Rente?

Bewegung aus den USA und Millionen Klicks auf YouTube

Das sogenannte „Tiny House Movement“ kommt, wie vieles, aus den USA. Eine gesellschaftliche Bewegung, die das Leben in kleinen Häusern propagiert. Dabei geht es nicht nur um weniger Kosten, sondern auch um Nachhaltigkeit und Ökologie.

Auf YouTube kursieren unzählige Videos, in denen Menschen ihr Tiny House vorstellen. Sie haben Millionen von Klicks. Der wohl bekannteste Kanal ist der von Bryce Langston: „Living Big In A Tiny House“. Langston stellt Wohnwagen, kleine Apartments, Hausboote und selbst gebaute Minihäuser vor. Eines, und da sind sich viele Kommentatoren unter seinen Videos einig, schöner als das andere.

Nun ist YouTube das eine, das Leben der „digitalen Anderen“ ein ganz anderes als das vor der eigenen Haustür. Trotzdem klingt die Idee, auf kleinstem Raum zu leben, für viele Menschen erst mal verlockend: keinen finanziellen Klotz am Bein, aber trotzdem ein Eigenheim mit Garten. Der eigentliche Trend ist längst in Deutschland angekommen. Die Frage ist, ober er sich langfristig weiterentwickelt.

Konzept der Tiny Houses? „Ach Quatsch!“

Dass ein Trend sich bisweilen von dem Tatsächlichen unterscheiden kann, zeigt eine Anekdote aus Ascheberg. Eine kleine Gemeinde im südlichen Münsterland, ganz nett, ganz adrett. Speziell für Familien. Das Thema Wohnen ist eines, das zwangsläufig diskutiert werden muss in Ascheberg. Und es wird diskutiert, immer wieder. Zuletzt in der Sitzung des Bau-, Planungs- und Umweltausschusses am 21. Juni 2018.

Weil kaum noch gemeindeeigene Grundstücke zur Vermarktung angeboten werden können, soll die Verwaltung Möglichkeiten zur Nachverdichtung in älteren Wohngebieten prüfen. Man müsse die Bürger bei der Nachverdichtung unterstützen, hieß es. Etwa dann, wenn in einem Gartenbereich ein Haus als Hinterlandbebauung errichtet werden könnte.

Grünen-Ratsherr Hubert Beckmann schlug in diesem Zusammenhang vor, sich mit dem Konzept der Tiny Houses zu beschäftigen – und erzeugte bis auf ein „Ach Quatsch“ aus Reihen der CDU eigentlich gar keine Reaktion.

Nicht zu groß – aber auch nicht zu klein

Das Thema ist in den Städten und Gemeinden der Region noch nicht angekommen. Auch, weil die kleinen Häuser nicht so richtig ins Bild passen würden. Es gibt Bebauungspläne, in Ascheberg wie in jeder anderen Kommune auch. Sie schreiben vor, dass beim Hausbau bestimmte Vorgaben erfüllt werden müssen. Gibt es keinen Bebauungsplan, kann die sogenannte Umgebungsbebauung zur Beurteilung herangezogen werden.

„Ein Thema ist bei uns ja eigentlich die Begrenzung nach oben“, sagt etwa Ralf Bülte, Baudezernent in Werne. Heißt: Ein Haus darf nicht zu groß sein, damit es optisch zur umliegenden Baustruktur passt und das Stadtbild nicht verändert. Ein sehr kleines Haus allerdings „fällt ja genauso aus dem Rahmen“, sagt Bülte.

Die Frage sei auch, ob es sich bei einem teuren Grundstückserwerb überhaupt lohne, ein solches Minihaus zu errichten. Stimmt das finanzielle Verhältnis dann noch? Bei kleineren Grundstücken, sagt Bülte, „könnten wir so ein Minihaus aber gar nicht verhindern. Und das würden wir auch nicht wollen“.

Tiny Houses aus einer Schreinerei in Hamm

Einer, der sich weniger mit der Grundstücksfrage beschäftigt, sondern mit den Häusern selbst, ist Stefan Diekmann. Er baut die kleinen Häuser aus Holz seit etwa zwei Jahren in seiner Schreinerei in Hamm-Bockum-Hövel. Durch den Kooperationspartner Tchibo wurde er über die Hammer Stadtgrenze hinaus bekannt. Mittlerweile schreinern er und sein rund 20-köpfiges Team am laufenden Band, die Nachfrage sei enorm.

Es gebe etwa gewerbliche Kunden, die ihr Minihaus als Büroerweiterung nutzen. Für Privatleute sei es manchmal eine kleine Ferienunterkunft. Oder tatsächlich das Eigenheim. Wie Designer Torsten Köler während eines Rundgangs durch die Werkstatt erzählt, habe man Kunden auf der ganzen Welt: Deutschland, Irland, Uruguay, Australien.

„Wir bauen gerade ein Haus für eine Studentin aus Dublin“, sagt Köler. Die Miete dort sei exorbitant hoch, das Tiny House eine Alternative, die man frühzeitig abbezahlt hätte. Wählen kann der Interessent aktuell aus drei Modellen zwischen 50.000 und 80.000 Euro, die sich aber ganz individuell gestalten ließen.

Ist das Ganze ein Kostenfaktor oder eine bewusste Entscheidung hin zu einer neuen Lebensweise? „Ich würde sagen, beides“, sagt Köler. „Sich zu reduzieren, ist ja eigentlich ein Krisenmodell. Nun ist die Wirtschaft stark, aber wir haben trotzdem enorm viele Anfragen.“ Wenn man sich erst einmal aus der gesellschaftlichen Zwangsjacke befreit habe, sei das ein tolles Lebensmodell.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Schreinerei aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz

11.07.2018
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Das Ausstellungsstück an der Warendorfer Straße in Hamm ist komplett eingerichtet.© Vanessa Trinkwald
Das "Tiny House Movement" kommt aus den USA.© Vanessa Trinkwald
Ein Blick in die Küche.© Vanessa Trinkwald
Blick von der kleinen Schlafempore.© Vanessa Trinkwald
Der Schlafbereich.© Vanessa Trinkwald
Ein Blick ins Bad.© Vanessa Trinkwald
Der Esstisch.© Vanessa Trinkwald
Stauraum.© Vanessa Trinkwald
Das Ausstellungsstück an der Warendorfer Straße in Hamm ist komplett eingerichtet.© Vanessa Trinkwald
Torsten Köler (r.) ist Designer bei "Tiny House Diekmann" in Hamm. Eugen (l.) und Michael arbeiten in der Werkstatt.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Ein kleiner Ofen für ein kleines Haus.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz. Interessenten können zwischen verschiedenen Farben wählen.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald
Die Schreinerei Diekmann aus Hamm fertigt Minihäuser aus Holz.© Vanessa Trinkwald

Ein Minihaus kaufen kann man quasi um die Ecke. Was man vor dem Kauf beachten sollte.

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wo darf man sein Tiny House hinstellen?

Generell gilt: Der Bau eines Hauses ist immer genehmigungspflichtig, ist es auch noch so klein. Bis zu einer Größe von 30 Kubikmetern müsse man keine Genehmigung einholen, sagt Wernes Baudezernent Ralf Bülte. „Das ist dann aber auch nur ein kleines Gartenhaus.“ Ist das Tiny House irgendwie im Erdboden verankert, gilt das Bauordnungsrecht. Vor der Errichtung muss ein Bauantrag bei der zuständigen Behörde gestellt werden; vor dem Kauf am besten schon eine Bauvoranfrage.

Gilt das auch, wenn man sein Tiny House in den Garten einer Privatperson stellt oder an den Feldrand eines Landwirtes?

Auch dann. „Ab einer gewissen Größe ist das nun mal ein Bauvorhaben“, sagt Bülte. Und mit so einem Bauvorhaben tangiert man öffentliches Recht. Im Außenbereich zu bauen, etwa auf landwirtschaftlicher Fläche, sei nahezu unmöglich, sagt Bülte.

Was ist, wenn das Minihaus mobil ist, also auf einem Anhänger untergebracht ist?

Wenn es nicht im Boden verankert ist, ist es genau genommen keine bauliche Anlage mehr. Hier gilt das Straßenverkehrsrecht – und dann muss das Haus zum Tüv. Wild im Stadtgebiet zu wohnen, wird allerdings schwierig. Seinen Erstwohnsitz kann man auf diese Weise nicht anmelden. Die Möglichkeit, als Dauergast auf einem Campingplatz zu wohnen, besteht. Bleibt die Frage, ob man das möchte.

Grundsätzlich können Interessenten, die wirklich an einem Leben im Tiny House interessiert sind, immer selbst die Augen nach geeigneten Grundstücken offen halten.

Generell gilt: Reicht man eine Anfrage beim Bauamt der Kommune ein, wird diese Anfrage auch geprüft. Ein Tiny House zu errichten, ist keinesfalls unmöglich, ähnelt trotz seiner Größe aber dem Verfahren für ein „normales“ Einfamilienhaus.

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