Hubertus Waterhues von Bücher Beckmann hat wenig Verständnis für das Hin und Her rund um das Gerichtsurteil und die Coronaschutzverordnung. © Sylva Witzig
Corona-Krise

Kopfschütteln bei Händlern in Werne: „Das soll jetzt also gerecht sein…“

Erst mehr Freiheit für alle, dann doch mehr Einschränkungen. Die Reaktion des NRW-Ministeriums auf das OVG-Urteil zur Coronaschutzverordnung sorgt bei Werner Händlern für Kopfschütteln.

Was für ein Hin und Her: Erst macht das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster den Weg frei für weniger Beschränkungen im Einzelhandel, dann reagiert die Landesregierung mit einer Anpassung der Coronaschutzverordnung. Das Ergebnis: Statt mehr Freiheiten gibt es nun weniger. Aber der Reihe nach…

Am Montagvormittag (22. März) flattert eine Pressemitteilung des OVG herein. Es geht um ein Urteil, durch das viele Corona-Beschränkungen im Einzelhandel in NRW außer Kraft gesetzt werden – zumindest vorläufig. So gilt im gesamten Einzelhandel plötzlich keine Kundenbegrenzung pro Quadratmeter mehr und auch eine vorherige Terminbuchung fürs Shopping nach dem Click-and-Meet-Prinzip entfällt.

Gleichbehandlungsgrundsatz ist ausschlaggebend für Urteil

Begründet wird das Urteil damit, dass die aktuellen Vorschriften der Coronaschutzverordnung zur Beschränkung des Einzelhandels mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht vereinbar seien. So konnten Buchhandlungen, Schreibwarenläden und Gartenmärkte seit dem 8. März bereits ohne besagte Einschränkungen wieder öffnen. Andere Geschäfte wie Modeläden und Elektronikmärkte hingegen nicht. Nun brauchen also auch letztere keine Termine mehr vereinbaren und Kunden zählen – wie gesagt: vorläufig.

Hubertus Waterhues, Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft Wir für Werne und Inhaber von Bücher Beckmann, zeigt sich am Montagmittag erleichtert vom Gerichtsurteil. Mehr noch: „Das ist endlich mal eine logische Entscheidung – und es freut mich vor allem für die Kollegen.“ Der Grund: Abgesehen davon, dass es nur gerecht sei, kleineren Händlern die gleichen Bedingungen zu ermöglichen wie etwa Supermärkten, seien erstere „niemals der Infektionstreiber gewesen“.

Maskenpflicht, Desinfektion, Abstandsregeln – die ganze Palette an Schutzmaßnahmen hat Waterhues gerade beim stationären Facheinzelhandel und auch der Gastronomie als gegeben gesehen. Schon aus Eigeninteresse hätten Händler und Gastronomen darauf geachtet, dass sich ihre Kunden an die Regeln halten: „Und wenn wir die Leute, die sich wirklich um die Regeleinhaltung kümmern, ihren Job machen lassen würden, glaube ich, dass wir dadurch die tatsächlichen Infektionstreiber minimieren können.“ Die gebe es nämlich eher im privaten Bereich – also nicht dort, wo man beispielsweise mit zwei Metern Abstand zum Nebenmann im Biergarten sitzt.

Ebenfalls am Montagmittag äußert sich Edelgard Aßmann vom Modegeschäft EdelBine zur vermeintlich guten Nachricht für den Einzelhandel. Durchaus überraschend: Aßmann ist überhaupt nicht zum Jubeln zumute. Im Gegenteil. „Die Skepsis ist größer als die Freude“, sagt sie. Das Geschäft laufe nämlich aktuell ganz gut. Und bevor sie wieder komplett schließen müsste, würde sie viel lieber so weitermachen wie momentan.

Zumal das Click-and-Meet-Konzept in ihrem Fall voll aufgehe. Zwei Kunden dürfe sie gerade parallel in ihren Laden lassen, die Terminvereinbarung funktioniere bestens. Die Leute brauchen schließlich Kleidung – und freuen sich über ein Shoppingerlebnis, auch wenn das noch nicht ganz so ausfällt wie früher. Ihre treuen Stammkunden hat Aßmann in Lockdown-Zeiten nicht verloren.

Plötzlich wieder alles anders

Ein paar Stunden später, am Montagnachmittag, sieht die Welt dann plötzlich wieder anders aus. Da ist eher Aßmann beruhigt – und Hubertus Waterhues schüttelt den Kopf. Denn das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales hat inzwischen auf das OVG-Urteil mit einer Anpassung der Schutzverordnung reagiert – ganz im Sinne des Gleichbehandlungsgrundsatzes, heißt es. Nun dürfen auch Buchhandlungen, Schreibwarenläden und Gartenmärkte nur noch begrenzt Kunden empfangen – und das ausschließlich mit Termin.

Waterhues, für dessen Geschäft sich dadurch eigentlich nichts ändert – mehr als fünf Kunden ließ man hier ohnehin sicherheitshalber nicht herein und die meisten hatten sowieso Bücher vorbestellt – hat nur einen sarkastischen Kommentar parat. Das solle jetzt also Gleichbehandlung sein, wenn die großen Supermärkte weiter öffnen dürfen: „Das jetzt so zu machen, das ist schon nicht schlecht…“

Monika Kemper, Inhaberin von „Der Kartenladen“, sieht das ähnlich: „Ich bin entsetzt von der Regierung. Ein paar Stunden nach dem Gerichtsbeschluss kommt wieder eine andere Entscheidung. Und wir wissen nicht, wie wir handeln sollen. Ich habe fast das Gefühl, der Einzelhandel soll systematisch kaputtgemacht werden.“

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Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner

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