Leprakranke in Werne: Hier waren die Aussätzigen untergebracht

rnVideo-Kolumne Heidewitzka

In einer Leprosenanstalt an der Lünener Straße wurden einst die Aussätzigen in Werne untergebracht. Um die Geschichte der Anstalt geht‘s diesmal in unserer Video-Kolumne „Heidewitzka“.

von Heidelore Fertig-Möller

Werne

, 26.09.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn wir heute über die Corona-Pandemie klagen und über die Unannehmlichkeiten, die diese mit sich bringt, so sind diese doch nicht zu vergleichen mit denen, die Leprakranke im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein auf sich nehmen mussten. Es gibt Informationen, dass schon vor 4.000 Jahren der Aussatz, wie Lepra auch genannt wurde, vor allem in Mesopotamien und in Ägypten existiert hat. In der Bibel wird im Neuen Testament sowohl in den Evangelien bei Matthäus als auch bei Lukas von der Heilung eines Aussätzigen durch Jesus berichtet.

Vom 6. bis zum 13. Jahrhundert ist eine starke Zunahme der Lepra zu verzeichnen, wahrscheinlich durch die katastrophalen Hygieneverhältnisse in den mittelalterlichen Städten. Die Leprosen- beziehungsweise Aussätzigenschau ist eine der frühesten Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitspflege – sie wurde von vereidigten sogenannten Leprösen, seit dem Spätmittelalter auch von Ärzten, vorgenommen.

Video
Heidewitzka - Folge 36: Die Leprosenanstalt

Die einzige Maßnahme, um die Gesunden zu schützen, war die lebenslängliche Zwangsisolierung. Das bedeutete, dass der Leprakranke in eigenen Anstalten weit außerhalb sonstiger menschlicher Behausung den Rest seines Lebens verbringen musste. Ausgrabungen an Friedhöfen bei den Leprosenanstalten ergaben, dass Knochenveränderungen bei den Toten fast alle auf Lepra hinwiesen und somit die Aussätzigenschau eine hohe Treffsicherheit der mittelalterlichen Lepradiagnostik aufwies. 53 solcher Einrichtungen existierten im Spätmittelalter allein in Westfalen.

Erste Hinweise stammen aus dem 15. Jahrhundert

Eine solche Leprosenanstalt gab es seit dem frühen 15. Jahrhundert auch in Werne, und zwar einige Kilometer vor den Toren der mittelalterlichen Stadt in Richtung Lünen. 1451 gibt es den ersten Hinweis in einer Urkunde, dass eine Kornernte aus der Mühle zu Stockum an die „armen malaitschen seyken, wonend uppe der Reytbecke buten Werne“ (armen kranken Siechen, die wohnen an der Reitbecke außerhalb von Werne) geschenkt wurde.

Diese Anstalt bestand aus einem Wohnhaus mit Küche, Keller und Dehle, Stallungen, Holzhaus, Nebenhäuschen und Brunnen sowie einer Kapelle und einem Friedhof, auf dem Leprakranken beerdigt wurden. Die ganze Anlage umgab ein Zaun – die zur Anstalt gehörenden landwirtschaftlichen Flächen grenzten bis an die Lippe, die gerade im 17. Jahrhundert oft über die Ufer trat und dann vieles zerstörte.

Leprakranke mussten beim Verlassen Glöckchen tragen

Die Leprösen mussten sich selbst versorgen und erhielten hin und wieder Spenden aus der Werner Bevölkerung. Wenn sie einmal die Anstalt verlassen durften, waren sie gezwungen, spezielle Kleidung und ein Glöckchen zu tragen, damit die Gesunden rechtzeitig gewarnt wurden und einen großen Bogen um die „Seiken“ machen konnten.

Der Bürgermeister war das Oberhaupt der Anstalt und zwei Provisoren mussten über die Einnahmen und Ausgaben wachen – zahlreiche Abrechnungen zeugen heute noch von der genauen Buchführung für diese städtische Einrichtung. Es gab wohl auch unterschiedlich hohe Belegungszahlen – 4 bis 6 Insassen waren üblicherweise dort. Es konnte unter den Leprakranken sogar geheiratet werden, denn 1658 und 1663 ist von der Geburt eines „seikenjungen“ und eines „seikenkindes“ die Rede.

Die Statue des Heiligen Rochus soll gegen die Pest, Cholera und Lepra schützen - und ist heute im Inneren der Kapelle noch zu sehen. Das Schwärmännken, wie es auf Plattdeutsch auch heißt, weist mit der Hand auf ein Geschwür am Knie hin.

Die Statue des Heiligen Rochus soll gegen die Pest, Cholera und Lepra schützen - und ist heute im Inneren der Kapelle noch zu sehen. Das Schwärmännken, wie es auf Plattdeutsch auch heißt, weist mit der Hand auf ein Geschwür am Knie hin. © Felix Püschner

Man kann auch nachlesen, welche Einrichtungsgegenstände sich um 1700 in der Leprosenanstalt befanden: unter anderem sechs linnene Unterbetten, drei kupferne Kessel, eine Zinnkanne, zwei Käsefässer, ein Waschfass, 5 hölzerne Teller, 7 Stühle, 4 Dreschflegel, eine Sense, 3 Mistforken und einiges mehr. Über die Aufnahme in die Leprosenanstalt entschied allein der Rat der Stadt Werne und es wurden, bis auf wenige Ausnahmen, fast ausschließlich Werner Bürger aufgenommen. Die letzte als Leprakranke bezeichnete Bewohnerin war Gertrud Lunemann, die 1773 in der Leprosenanstalt in Lenklar verstarb.

Danach verpachtete der Stadtrat das Gelände, bis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Gebäude so verfallen waren, dass sie abgerissen wurden, als letztes die Kapelle, die eigentlich dem Heiligen Georg geweiht war. 1870 hatte der norwegische Arzt Gerhard Henrik Hansen den Erreger der Lepra, den dann nach ihm benannten Hansen-Bazillus, entdeckt.

Rochuskapelle trat an die Stelle der Anstalt

1886/87 wurde an fast der gleichen Stelle die heutige Kapelle errichtet, die im Volksmund nur Rochuskapelle genannt wird. Die Statue des Heiligen Rochus von einem unbekannten Künstler aus dem 15. Jahrhundert, die gegen Pest, Cholera und Lepra schützen soll, ist heute im Inneren noch zu sehen – dieses Schwärmännken, wie es auf Plattdeutsch auch heißt, weist mit der Hand auf ein Geschwür am Knie hin.

Leider ist in dieser Kapelle im letzten Herbst Schimmel festgestellt worden, so dass, auch bedingt durch Corona, kaum noch Gottesdienste dort stattfinden können. Die Martinsgesellschaft Lenklar-Brederode, die die Patenschaft über dieses Gotteshaus übernommen hat, bedauert dies sehr, denn die Kapelle steht seit 1985 unter Denkmalschutz und ist Eigentum der Stadt Werne.

Diese Tafel ist unter der Figur an der Außenwand der Kapelle angebracht.

Diese Tafel ist unter der Figur an der Außenwand der Kapelle angebracht. © Felix Püschner

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