Lothar Christ im großen Heimat-Check-Interview

Werne auf dem Prüfstand

Sieben Wochen haben wir die Region und Werne unter verschiedenen Aspekten auf den Prüfstand gestellt. Zum Schluss unserer Sommer-Serie „Heimat-Check“ haben wir mit Bürgermeister Lothar Christ über die Themenfelder Haushaltskosten, Wohnen, Sicherheit, Bildung, Verkehr, Entsorgung und Soziales gesprochen.

WERNE

, 26.07.2016, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Herr Christ, im Kreisvergleich liegen die Lebenshaltungskosten hoch. Können sich Normalverdiener Werne überhaupt leisten? Werne ist in der Tat etwas teurer, aber nicht erheblich. Dafür hat die Stadt aber auch viel zu bieten.

Wer hier lebt, muss also mit höheren Kosten für die gestiegene Lebensqualität zahlen? Ja, aber nur etwas mehr. Einer Ihrer Leser sagte beispielsweise, dass er die bei uns höheren Kita-Kosten gegenüber seiner alten Heimat gerne zahlt, weil hier auch mehr geboten wird.

Die Stadt finanziert ihre Kosten unter anderem durch die Erhöhung der Grundsteuer. Wird an der Steuerschraube noch weiter gedreht? Eine Kommune muss in der Sache eine gute Strategie haben. Unsere lautet: Wir sparen uns nicht kaputt, sondern wir wollen, dass Werne eine lebenswerte Stadt bleibt. Das hat seinen Preis, den letzten Endes wir, die Bürger, bezahlen müssen. Die Alternative wäre etwa ein Nothaushalt, in dem freiwillige Leistungen zu reduzieren wären und die Stadt kaum mehr gestalten könnte.

Wohnen wird in Werne immer teurer. Wann gibt es endlich bezahlbaren Wohnraum? Wir bauen nicht selbst, sondern sorgen für die Rahmenbedingungen. Indem wir etwa bei Bauflächen bestimmte Anteile für öffentlich geförderten Wohnungsbau vorsehen.

Aber das scheint nicht zu reichen? An der Brevingstraße läuft das so, dort könnten ab kommendem Jahr entsprechende Wohnungen entstehen. Auch RWE hat jüngst ein Bauprojekt mit öffentlich gefördertem Wohnraum angekündigt.

Das dauert aber bis zur Realisierung. Planungsprozesse dauern eben ihre Zeit.

Müsste die Stadt in Sachen Wohnraum-Ausweisung nicht mehr Gas geben, auch vor dem Hintergrund des Flüchtlingszustroms? Wir planen tatsächlich, ein oder zwei städtische Wohnbauprojekte für jeweils bis zu 50 Flüchtlinge zu realisieren. Objekte, die später in sozialen Wohnraum umgewandelt werden könnten.

Wo sollen die entstehen? Da wir uns noch in der Planungsphase befinden, ist das derzeit noch nicht spruchreif.

Thema Sicherheit. Trotz geringer Kriminalitätsrate fühlen sich viele Werner aufgrund der Wohnungseinbrüche unsicher. Können Sie das nachvollziehen? Darauf gibt es zwei Antworten. 1. Wir stehen eigentlich gut da, auch wenn nicht alles rosarot ist. Im Vergleich zu anderen Städten ist es bei uns sehr ruhig. 2. Die Wohnungseinbruchszahlen sind tatsächlich drastisch gestiegen. Das hätte ich mir so vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können.

Was kann man tun? Das ist keine reine Polizeisache. Wichtig sind funktionierende Nachbarschaften, aber auch die Sicherung der eigenen vier Wände. Ich selbst habe an einer Infoveranstaltung teilgenommen und danach bei uns zu Hause Fenster und Türen sicherer gemacht.

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Sie sprachen die Polizei an. Wird die Wache am Bahnhof bleiben? In Werne wird sie sicher bleiben. Ob am Bahnhof, ist offenbar noch nicht klar. Sollte die Polizei einen neuen Standort suchen, habe ich dem Landrat meine volle Unterstützung zugesagt.

In den letzten Monaten gab es zahlreiche Vandalismus-Fälle. Erschreckt Sie das? Meist sind es junge Menschen, die mit ihrer Energie offenbar nichts Vernünftiges anfangen können. Das sollte man zwar ernst nehmen, aber nicht überbewerten.

 

Wernes Bürgermeister Lothar Christ setzt Sätze über Werne von Sylvia vom Hofe fort - nach dem großen Heimat-Check-Interview. Mehr ab Dienstag unter www.rn.de/Werne

Ein von Ruhr Nachrichten (@rnlive) gepostetes Video am 25. Jul 2016 um 3:48 Uhr

 

Die Schullandschaft hat sich grundsätzlich geändert. Reicht das jetzt? In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Bildungslandschaft in Werne dramatisch gewandelt, auch in den Köpfen von Eltern und Schülern. Von einst zehn städtischen Schulen bleiben noch fünf, die aber entweder neu gebaut oder zumindest bestens ausgestattet sind. Und auch die beiden anderen Schulträger, der Kreis Unna mit dem Berufskolleg und das Bistum mit dem Christophorus-Gymnasium, haben ihre Einrichtungen bestens modernisiert. Da ist Werne insgesamt sehr gut aufgestellt.

Apropos Gymnasien. Werne hat zwei. Stehen die in einem ungesunden Wettbewerb gegenüber? Nein, überhaupt nicht. Es gibt zwar eine notwendige, aber eben auch gesunde Konkurrenz. Beide haben eigenständige Profile, die sich gut ergänzen. Davon profitieren die Familien.

Der Öffentliche Nahverkehr ist bei uns nicht gerade üppig ausgestattet. Ohne Auto kommt man hier schlecht klar, oder? Das ist eine Frage der Lage der Stadt. Nach Lünen, Dortmund, Münster kommt man gut mit der Bahn. In die Kreisstadt Unna vielleicht nicht ganz so gut. Einfach, weil wir weiter entfernt davon liegen.

Bei den Fahrradwegen sieht es auch nicht so glänzend aus. Verpasst die Stadt, sich als fahrradfreundliche Kommune zu profilieren? Ich wünschte mir auch mehr, da ist noch Luft nach oben. Aber mit dem Fahrradring und anderen guten Projekten haben wir uns positiv entwickelt. Die Frage ist halt immer, ob das Glas für einen halb voll oder halb leer ist.

Die Touristikrouten führen zwar durch Werne, aber weit an der Innenstadt vorbei. Wir müssen das Beste daraus machen. Bei der Römer-Lippe-Route muss der Stich übers alte Zechengelände Richtung Innenstadt gelingen. Aber da ist der Grundeigentümer, die RAG Montan, gefragt. Wenn der ja sagt, fangen wir sofort an. Und mit der jüngst eröffneten Rad Route historischer Stadtkerne sind wir Teil einer weiteren sehr reizvollen Rad-Route.

Wer mit dem Auto oder dem Rad durch Werne fährt, stößt auf wilde Müllablagerungen. Welche Strategie haben Sie dagegen? Es wird nicht gelingen, solche Umweltsünder zu ermitteln. Stattdessen müssen wir die Bürger für Müllproblematik sensibilisieren. Man muss das Bewusstsein dafür schaffen, zum Beispiel zu Hause oder auch in der Schule, wo schon eine gute Arbeit geleistet wird. Und durch solche freiwilligen Aktionen wie seit Jahren einigen Orts- und Bauernschaften oder erstmals dieses Jahr in der Innenstadt mit „Werne putzt sich raus“.

Letztes Thema „Soziales“. Trotz guter Konjunktur und niedriger Arbeitslosenquote gibt es mehr als 1200 Aufstocker, die von einem Gehalt nicht leben können. Ist das nicht beschämend? Das finde ich sehr besorgniserregend. Der Mindestlohn ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn er demnächst bei etwa 9 Euro liegt, kann eine Person davon leben. Eine Familie aber nicht.

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Was können Sie als Bürgermeister tun? Neben einem funktionierenden sozialen Netzwerk (zum Beispiel mit dem Projekt Familien in der Nachbarschaft) oder sozialen Regelungen wie etwa dem beitragsfreien Kitaplatz bis 20.000 Euro Jahreseinkommen, müssen wir eine gute Arbeitsmarktpolitik betreiben, uns um unsere Firmen kümmern und Gewerbegebiete für neue Unternehmen ausweisen.

Da sind der Stadt aber die Hände gebunden. Die Flächenpotenziale sind weitgehend ausgeschöpft. Kann es das angedachte interkommunale Gewerbegebiet an der A1/Nordlippestraße richten? Das kann ein gutes Projekt werden, das wir gemeinsam mit Selm und Lünen angehen wollen. Aber die Planung des Regionalverbandes, der hier die Hoheit hat, ist noch nicht abgeschlossen.

Sind Sie hoffnungsvoll? Ja, ich glaube, dass das klappen kann. Das wäre ein großer Wurf.

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