Menschenhandel-Prozess: Erste Angeklagte legen Geständnisse ab

rnLandgericht Münster

In dem Menschenhandel-Prozess, in den auch ein ehemaliges Nagelstudio in Werne verstrickt ist, legten einige Angeklagte nun Geständnisse ab. Die waren allerdings alles andere als umfassend.

von Matthias Münch

Werne, Bergkamen

, 07.07.2020, 16:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alles begann mit einer anonymen Anzeige im Jahr 2016: In einem Nagelstudio in Münster würden Beschäftige ausgebeutet. Zollfahnder nahmen sich der Sache an und stießen schon bald auch auf einen Laden in Werne. Anfangs war ihnen nicht klar, dass das Ganze vier Jahre später in einen großen Prozess am Landgericht Münster münden würde. Am Dienstag (7. Juli) saß die Zollbeamtin auf dem Zeugenstuhl vor der 12. Großen Strafkammer, bei der alle Fäden zusammen liefen und dabei immer dicker wurden.

Nach ersten Recherchen im Internet besuchten die Fahnder einige verdächtige Nagelstudios und trafen dort illegal Beschäftigte an, die zum Teil sofort die Flucht ergriffen. Alle stammten aus Vietnam, darunter auch einige junge Männer und Minderjährige. 2017 begannen die Ermittler mit systematischen Observationen der Studios sowie der Handy-Überwachung der verdächtigen Drahtzieher. Dabei wurde klar, welche Anweisungen die Bosse den Beschäftigten gaben, um die Behörden in die Irre zu führen.

Am Tag der Razzien waren 7 Studios schon wieder dicht

Am 20. November 2019 hatten die Fahnder genug Informationen und schlugen koordiniert zu. Mit sechs Haftbefehlen und etlichen Durchsuchungsbeschlüssen schwärmten sie in ganz NRW und ins badische Rottweil aus. Die Angeklagten kamen in U-Haft. Das gefundene Material führte zu weiteren Erkenntnissen.

Zum Beispiel darüber, dass die Nagelstudios oft spontan eröffnet und wieder geschlossen wurden. Am Tag der Razzien in 17 Studios waren einige schon wieder dicht, wie zum Beispiel das in Werne. Andere kamen erst später in den Blick.

Jetzt lesen

Vor und nach der Aussage der Ermittlungsführerin am Dienstag legten drei Angeklagte Geständnisse ab. Allen voran die beiden 54 und 47 Jahre alten Brüder aus Ibbenbüren und Münster, gefolgt von einem 29-jährigen Vietnamesen aus Bergkamen.

Sie räumten die Schwarzarbeit, den Steuer- und Sozialversicherungsbetrug ein. Durch die mitangeklagte 37-jährige Nichte der beiden Brüder sei man auf Nagelstudios als Geldquelle gekommen. Von organisierten Schleuserbanden, von Geldwäsche und Menschenhandel habe man aber keine Ahnung.

Deutsche Nagelstudio-Branche teils fest in vietnamesischer Hand

Ob die deutsche Nagelstudio-Branche fest in vietnamesischer Hand sei, wollte der vorsitzende Richter am Dienstag von der Zollbeamtin wissen. Im niedrigen Preissegment überwiegend, lautete die Antwort. Und es gehe über Deutschland hinaus.

Die illegal Beschäftigten werden durch ganz Europa geschoben. Eingeschleust würden diese Menschen aus Vietnam über Russland und östliche EU-Staaten. In umgekehrter Reihenfolge flössen die siebenstelligen Gewinne zurück. Doch jenseits der deutschen Grenzen verliert sich alles im Nebel.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt