Die Angst bei den Mietern ist groß: Wegen der vertrockneten Fichten auf dem Nachbargrundstück spielen sich in ihren Köpfen Horrorszenarien ab. Sie fühlen sich völlig machtlos.

Werne

, 10.08.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Jupp Willmann (78) aus dem Fenster schaut, dann werden die Sorgenfalten auf seiner Stirn immer tiefer. Denn das, was er dort sieht, ist nicht nur unschön anzuschauen, sondern seiner Meinung nach auch äußerst gefährlich: „Stellen Sie sich mal vor, es fängt an zu brennen, dann steht hier alles lichterloh in Flammen.“

Der Grund für Willmanns Unmut - und dem seiner Nachbarn in dem 14-Parteien Haus an der Alten Münsterstraße 9 - sind 10 ausgetrocknete Fichten. Die stehen auf dem leer stehenden Nachbargrundstück, das an den Innenhof ihres Wohnhauses grenzt.

Sorge wegen glühender Zigarettenstummel

Herunterfallende Nadeln, bei stürmischem Wetter herumfliegende Äste und Zweige, die auch schon mal an den Fensterscheiben und auf den Balkonen landen: Den Hausbewohnern reicht es langsam. „Die Fichten sahen letztes Jahr schon schlecht aus. Wir haben viele Bewohner mit Rollator. Die können bei dem Zeug, was da runterfällt, leicht stürzen“, sagt Willmann. „Und wenn hier mal der Blitz einschlägt, ein Funken von den Autos durch den Zaun fliegt oder jemand eine glühende Zigarettenkippe rüberschnippt, kann das natürlich auch richtig gefährlich werden.“

Mieter fürchten Brandgefahr durch knochentrockene Fichten auf Nachbargrundstück

Die Garageneinfahrt und die Parkplätze sind übersäet von Nadeln der vertrockneten Bäume. Akute Rutschgefahr für die Bewohner, von denen viele auf Rollatoren angewiesen sind. © Felix Püschner

Wenn seine Frau und er in den Urlaub fahren, dann tun sie das nur „mit einem mulmigen Gefühl“. Sie rechnen dann immer schon mit einem schockierenden Anruf: „Ihr müsst nach Hause kommen. Eure Wohnung ist abgebrannt.“

Bewohner sind ratlos

Willmann sagt, weder Stadt noch Vermieter hätten der Wohngemeinschaft bislang helfen können. Aber warum eigentlich nicht? „Es gibt doch schließlich eine Verkehrssicherungspflicht. Da muss die Stadt doch tätig werden“, findet der 78-Jährige.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, wie Jürgen Menke vom Ordnungsamt der Stadt Werne auf Nachfrage unserer Redaktion betont. Der Stadt seien schlichtweg die Hände gebunden.

„Wir dürfen da leider nicht einschreiten.“
Jürgen Menke
Ordnungsamt DEr STADT

„Wir dürfen da nicht einschreiten, weil es sich nicht um eine öffentliche Fläche handelt. Das ist eine privatrechtliche Angelegenheit“, sagt Menke. Und selbst wenn es sich um eine öffentliche Fläche handelt, müsse man auch erst mal nachweisen, dass eine Gefährdung vorliegt. „Das ist nicht so einfach. Der Baum müsste schon stark in Schieflage sein, sodass er jeder Zeit umkippen und beispielsweise Fußgänger verletzen könnte.“

Andere Bäume mussten schon weichen

Das sei an besagtem Grundstück, das direkt an der Straße Heckgeist liegt, sogar schon der Fall gewesen. Umgefallene Bäume habe der Grundstückseigentümer in der Vergangenheit schon einmal beseitigen müssen. Zudem habe er auch einen neuen Zaun gezogen. Beides allerdings nur zur Straßenseite hin.

„Da müssen sich die Bewohner beziehungsweise ihr Vermieter an den Grundstückseigentümer wenden“, so Menke.

Geduldsprobe für Mieter

Der Vermieter, das ist Bernhard Meinke. Und der sagt zu der Angelegenheit: „Als wir 2004 hier gebaut haben, standen die Fichten schon. Aber da waren sie noch nicht in einem so schlechten Zustand.“ Er könne die Sorge der Mieter nachvollziehen. „Wir können gerade allerdings nur dafür sorgen, dass Zweige und Nadeln regelmäßig weggeräumt werden. So, wie es jetzt ist, kann es eigentlich nicht bleiben.“

Mit dem Grundstückseigentümer, Dr. Axel Köster, habe er bislang jedoch noch keinen Kontakt aufgenommen. Er wolle ihn noch anschreiben, müsse aber erst mit seiner Versicherung klären, wer denn haftet, falls es aufgrund des schlechten Zustands der Bäume tatsächlich zu Personen- oder Sachschäden kommt.

„Es wird uns wohl auch nichts anderes übrig bleiben, als sie wegzunehmen.“
Dr. Axel Köster
Grundstückseigentümer

Axel Köster zeigte sich irritiert, ob dieser Vorgehensweise. „Ich weiß nicht, warum er oder die Mieter mich nicht einfach direkt ansprechen. Natürlich habe ich gesehen, dass es mit den Bäumen in den letzten Wochen rapide bergab ging. Und es wird uns wohl auch nichts anderes übrig bleiben, als sie wegzunehmen“, betonte Köster im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Sorgen der Mieter könne auch er verstehen. Ein Fällen der Bäume von heute auf morgen sei jedoch unwahrscheinlich. „Wenn ich daran denke, dass ich den Bau des Zauns schon im vergangenen Frühjahr in Auftrag gegeben habe und er erst in diesem Jahr aufgestellt werden konnte, dann kann ich nur hoffen, dass es mit den Bäumen schon in diesem Herbst klappt“, so Köster weiter. Auch wenn es wohl schwierig sein könnte, zeitnah eine Firma für die Arbeiten zu finden, stehe fest: So, wie die Fichten jetzt aussehen, will Köster sie nicht lassen.

Die „höhere Gewalt“

Das könnte nicht nur aus ästhetischen Gründen wichtig sein. Denn wenn tatsächlich Schäden entstehen, dürfte es für alle Parteien eine knifflige Angelegenheit werden, wie David Wellman von der Provinzial-Versicherung Wenge und Hörster OHG erklärt: „Das ist sehr individuell geregelt. Grundsätzlich hat man als Grundstückseigentümer aber eine Sicherungspflicht, muss also die Gefahren mindern, die von dem Grundstück ausgehen.“

Kippt ein Baum beispielsweise bei einem Sturm um und könne man nachweisen, dass er schon zuvor erkrankt war, ließe sich der Grundstückseigentümer für entstandene Schäden zur Verantwortung ziehen.

Da spiele es dann auch nicht mehr eine so gewichtige Rolle, ob es sich um eine Form der „höheren Gewalt“ handle. „Letztlich ist so etwas aber immer eine Einzelfallentscheidung“, sagt Wellmann. Das gilt auch für Schäden, die etwa durch herumfliegende Äste entstehen. Wobei dafür in der Regel die Gebäudeversicherung aufkomme. Ein Horror ist spätestens dann wohl vor allem der Papierkram.

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