Museumsleiterin erinnert sich an ihre DDR-Flucht

Heidelore Fertig-Möller aus Werne

Auf einem Foto strahlen die dunklen Augen unter der weißen Fellmütze hervor. Das Händchen fasst nach dem Teddy. Heute, 62 Jahre später, glaubt man noch ihr Lachen zu hören. Es ist die letzte Aufnahme, die Heidelore Fertig-Möller in ihrer vorpommerschen Heimat zeigt. Wenig später begann die Flucht.

WERNE

, 26.09.2015 / Lesedauer: 4 min
Museumsleiterin erinnert sich an ihre DDR-Flucht

Heidelore Fertig-Möller leitet seit über 35 Jahren das Werner Stadtmuseum.

Nein, erinnern kann sie sich daran nicht. „Dazu war ich zu klein.“ Die Leiterin des Werner Stadtmuseums blickt noch einmal in das grün gebundene Fotoalbum vor sich und schüttelt dann den Kopf. Was sie weiß über die Tage des Frühjahres 1953, haben ihr Mutter und Großmutter erzählt und der sieben Jahre ältere Bruder.

„Es war kalt“, sagt sie, „und wir durften kein Gepäck mitnehmen.“ Sonst wäre die Republikflucht aufgefallen, wie das Vorhaben der Familie im SED-Jargon hieß. „Immerhin hatte meine Mutter mehrere Decken unter mich in den Kinderwagen gepackt.“ Wenigstens die Jüngste sollte es warm haben.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller zeigt Bilder aus ihrem Leben

Auf einem Foto strahlen die dunklen Augen unter der weißen Fellmütze hervor. Das Händchen fasst nach dem Teddy. Heute, 62 Jahre später, glaubt man noch ihr Lachen zu hören. Es ist die letzte Aufnahme, die Heidelore Fertig-Möller in ihrer vorpommerschen Heimat zeigt. Wenig später begann die Flucht. Für uns hat Wernes Museumsleiterin das Fotoalbum ihres Lebens geöffnet.
25.09.2015
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Oma Erna Foth hat nach der Flucht in den Westen nicht tüchtig mitgearbeitet - hier bei der Weinlese am Rhein.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
In der Nacht zum 17. Januar 1955 trat der Rhein nach starken Regenfällen mit Orkanwinden an vielen Stellen über die Ufer - auch in Königswinter. Heidelore Fertig-Möller (r.) steht als kleines Mädchen auf dem Steg neben Mutter und Oma, während ihr Bruder im Wasser watet.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Heidelore Fertig-Möller bei ihrem ersten Fototermin - damals noch in der DDR.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Dieses Kaninchen heißt Suleika. es ist die Nachfolgerin von Susi. Die kleine Heidelore war glücklich, dass sie in der neuen Wohnng in Oberkassel ein Haustier halten durfte.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Die kleine Heidelore mit ihrem sieben Jahre älteren Bruder.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Eine Postkarte vom Rhein: Wo Heidlore Fertig-Möller die ersten vier Jahre nach der Flucht verbrachte - zusammen mit anderen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien - , machten andere Deutsche in der zeit des Wirtschaftswunders Urlaub.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Der erste Schultag: Die kleine Heidelore Fertig ist pünktlich zur Einschulung mit Oma, Mutter und Bruder in eine eigene kleine Sozialwohnung in Oberkassel (Bonn) umgezogen.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Familie Fertig freut sich vor allem über den Balkon an ihrer Neubauwohnung in Oberkassel: eine Sozialwohnung in einem Haus, das damals gerade fertiggestellt worden war.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
So sah der Neubau in Oberkassel (Bonn) aus, in den Familie Fertig 1957 eingezogen ist.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
Hamburg-Wentorf, eine ehemaligen Kaserne, war das zweite Ziel der Flucht nach Ankunft und Registrierung In Berlin.© Foto: Familienalbum Fertig-Möller
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Voran schritt der Opa, so gut es der damals 59-Jährige trotz seines Lungenleidens konnte. Was ihn erwartete im Westen, wusste er nicht – zum Glück. Was er zurückließ, dagegen sehr wohl. Er hatte in den 1920er-Jahren seine gut bezahlte Tätigkeit als Handwerker in der Stadt gegen ein Leben auf dem Land eingetauscht.

20 Kilometer von Stettin entfernt, im Dörfchen Altwigshagen, kaufte er sich einen Bauernhof mit für damalige Verhältnisse stolzen 25 Hektar Land. „Er wollte selbstständig sein“, erzählt seine Enkelin. Dieser ausgeprägte Eigensinn habe den Großvater aber auch immer wieder anecken lassen bei den Machthabern – erst bei den Nazis, dann bei den Kommunisten.

Ausbau der Grenze

Im Frühjahr 1952 war die SED-Führung nach einem Treffen mit Stalin mit Vorhaben zurückgekehrt, die dem Mann Sorgen machten. Die bisherige Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland müsse als Grenze ausgebaut und stärker bewacht werden, hieß es. Die Armee sei aufzubauen. Volkseigene Betriebe vor allem in der Schwerindustrie seien zu gründen. Und was dem Opa direkt betraf: Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften hätten an die Stelle der Einzelhöfe zu treten.

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Der Kampf gegen das private Bauerntum hatte begonnen: Jeder, der mehr als 20 Hektar sein Eigen nannte, galt von nun an als Großbauer und wurde mit drückenden Abgaben belegt. „Mein Opa begehrte dagegen auf und wurde verurteilt“, berichtet seine Enkelin. Zwei Jahre sollte er einsitzen. Nach einem halben Jahr wurde er entlassen – wegen einer im Gefängnis aufgetretenen Lungenerkrankung. Drei Wochen später begann die Flucht: nicht einmal ein halbes Jahr vor dem blutig niedergeschlagenen Massenprotest gegen die DDR-Regierung am 17. Juni 1953.

Heidelore Fertig-Möller blättert weiter im grünen Album. Der Kontrast zu den drolligen Kinderbildern könnte nicht größer sein. Auf der nächsten Seite ist ein Grab mit Blumen ist zu sehen. „Das war in Berlin“, sagt sie. Seit der Schließung aller innerdeutschen Grenzen im Mai 1952 strömten die Flüchtlinge aus Ostdeutschland dorthin. Wo viele Menschen dicht gedrängt auf ihre Weiterreise warteten, grassierten Krankheiten. „Ich bekam sofort Keuchhusten und kam ins Krankenhaus“, erzählt die Museumsleiterin. „Und mein Opa“, sie zeigt nur auf das Foto.

Mit dem Flugzeug Richtung Hamburg

Die kleine Heidelore erholte sich nach einigen Wochen wieder. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, geht es in die Luft: „Wir wurden aus Berlin ausgeflogen – per Flugzeug.“ Ihr nächstes Ziel auf dem jetzt von den Behörden vorgezeichneten Weg: Hamburg-Wentorf. Im Fotoalbum ist ein langgezogener dreistöckiger Backsteinbau zu sehen: einer von 16 Wohnblöcken.

„7400 Sowjetzonen-Flüchtlinge wohnen augenblicklich im Lager Wentorf“, ist im Hamburger Abendblatt vom 28. Februar 1953 nachzulesen. Fünf Ärzte und 30 Schwestern betreuten das „Flüchtlingskrankenhaus“, zwölf Lehrer die „Lagerschule“. Beides brauchten sich die drei Generationen der Familie Fertig nicht anzuschauen. „Nach ein paar Wochen wurden wir genauso wie alle anderen Flüchtlinge von der Erstaufnahmeeinrichtung auf Kommunen verteilt“, sagt Heidelore Fertig-Möller. Sie schlägt die nächste Seite auf.

Auf dem verstärkten Papier kleben Postkarten: oben eine Urlaubsidylle am Rhein, links der Petersberg und weiter rechts der Drachenfels: kein Ferienziel der Familie, sondern ihr Zuhause. „Königswinter, Hauptstraße 1, ehemals Hotel Mattern“, sagt die Museumschefin. „Dort waren wir zusammen mit anderen Flüchtlingen direkt am Rhein untergebracht“, erzählt sie.

 Zu sechst in einem Zimmer

Anfangs hätten sie sich zu viert ein Hotelzimmer mit zwei älteren Frauen teilen müssen, „nach einiger Zeit hatten wir es für uns alleine – und waren glücklich“. Schließlich habe es anders als in vielen anderen Regionen schon ein Wasserklosett gegeben, erinnert sich das Kind von einst – zwar nur eines für die ganze Etage, aber egal.

Noch glücklicher waren sie dreieinhalb Jahre später. „Da bekamen wir eine Sozialwohnung in Oberkassel zugewiesen, die gerade fertig geworden war“, so Heidelore Fertig-Möller: drei kleine Zimmer, Balkon, ein eigenes Badezimmer mit Wanne, ein kleines Gärtchen und – was der kleinen Heidelore besonders wichtig war – den Platz für einen Kaninchenstall. Das Foto des mümmelnden Hasen klebt gleich neben ihrem Einschulungsfoto.

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Die Mutter, die als Putzfrau und Verkäuferin arbeitete, und die Oma, die bei der Weinlese half, gaben sich aber noch nicht zufrieden. „Sie legten jeden Groschen zurück.“ 1967 gelang es den beiden Frauen, ein eigenes Häuschen zu kaufen. Heidelore war zu diesem Zeitpunkt schon Gymnasiastin: „in einer Klasse mit anfangs 38 anderen Mädchen, von denen fast alle aus Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien stammten.“

Sie klappt das Album zu, das sie als Kind angelegt hatte. Das Bild, das sie jetzt beschreibt, hat nie eine Kamera festgehalten: Es zeigt das etwas übernächtigte, aber glücklich strahlende Gesicht ihrer Oma Erna am Morgen eines Sommertages im Jahr 1969. Die damals 73-Jährige, die zwei Weltkriege, zwei Inflationen und zwei Diktaturen erlebt hatte und ohne Besitz und ohne männliche Unterstützung ein neues Leben aufgebaut hatte, war begeistert: Als einzige der Familie hatte sie vorm Fernseher die erste Mondlandung verfolgt: „Was die Menschen doch im Stande sind, alles zu leisten.“

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