Nachtigallen sollen bis 2022 umgesiedelt werden

An der Stockumer Bahntrasse

Einen bestehenden Radweg einige hundert Meter weiter ausbauen, klingt nicht allzu kompliziert. An der alten Bahntrasse in Werne-Stockum sieht das allerdings anders aus: Denn dort hausen zwei Nachtigallen-Pärchen im Gebüsch. Artenschutz geht vor, denkt man sich in Werne - und berät über abenteuerliche Lösungen.

WERNE/STOCKUM

, 03.11.2016, 05:07 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nachtigallen sollen bis 2022 umgesiedelt werden

Die alte Bahntrasse in Stockum

Im Kreis Unna sind laut Naturschutzbund 74 Vogelarten zu Hause - eine von ihnen ist die Nachtigall. Als heimische Tierart sind die Vögel schützenswert - auch wenn es nur um sehr wenige Exemplare geht.

Welche extremen Konsequenzen dieser Schutz nach sich ziehen kann, zeigt sich seit einigen Monaten in Werne-Stockum. Zwei Vogelpärchen, die in den Sträuchern entlang einer alten Bahntrasse nisten, sorgen hier für reichlich Wirbel. 

Hintergrund ist ein geplanter Radweg, den die Stadt Werne entlang der stillgelegten Bahntrasse bauen wollte - genauer gesagt, ein kleiner Abschnitt der Strecke von wenigen hundert Metern. Südwestlich davon gibt es den Radweg an der Bahntrasse bereits. Wenn es nach der Stadt geht, soll dieser weiter ausgebaut werden: vorbei am ehemaligen Klärwerk am Werthweg, am Friedhof Stockum und dem Sportplatz des SV Stockum. 

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Das Problem: Genau dort nisten die Nachtigallen. Der Bezirksausschuss hatte zwar bereits im vergangenen Dezember beschlossen, die Sträucher in diesem Bereich zurück zu schneiden. Doch als im Februar diesen Jahres bekannt wurde, dass die Vögel dort brüten, musste das Vorhaben zunächst auf Eis gelegt werden. Die Neuigkeit hatte im Ausschuss für einige Verärgerung gesorgt: Denn die erste Sichtung der Nachtigallen lag zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre zurück - den Ausschuss hatte aber niemand darüber informiert.

„Im Dezember vergangenen Jahres hatten wir den Freischnitt beschlossen und da war keine Rede von einem schützenswerten Vogelpärchen“, äußerte sich die Ausschuss-Vorsitzende Annegret Lohmann (CDU) im Februar dazu. 

Umsiedlung als Lösung

Die Bahntrasse freizuschneiden und so die Option auf einen Radweg zu schaffen, war nun nicht mehr ohne Weiteres möglich. Ein Lösungsvorschlag kam vom Kreis Unna: Die Nachtigallen sollen umgesiedelt werden. Das klingt leichter als es ist, denn die Tiere kann man natürlich nicht einfach so von einem Ort an den nächsten versetzen. 

Stattdessen wäre mit der Umsiedlung einiges an Aufwand verbunden - denn für die Vögel müsste zunächst ein alternativer Lebensraum angelegt werden. Dafür sieht der Vorschlag vom Kreis die Fläche des ehemaligen Klärwerks am Werthweg vor (auf der Karte gelb markiert).

Fünf Jahre bis zum Lebensraum

Pro Pärchen sei eine Fläche von 600 Quadratmetern notwendig, insgesamt müsse also ein Lebensraum von 1200 Quadratmetern geschaffen werden, erklärte Peter Driesch, Leiter des Sachgebiets Natur- und Landschaftsschutz. 

Über diese Idee will der Bezirksausschuss am Donnerstag, den 3. November, entscheiden. Doch selbst wenn der Ausschuss den Vorschlag befürwortet, wird es bis zu einem möglichen Radweg noch lange dauern. 

"Bis das neu bepflanzte Gebiet soweit ist, dass es auch die für Nachtigallen interessant ist, wird es einige Zeit dauern", so Driesch. Die Sträucher und Pflanzen bräuchten zunächst Zeit, entsprechend zu wachsen. "Wahrscheinlich wäre der Bereich nach fünf Jahren als Lebensraum für die Nachtigallen geeignet", sagte er. 

Alternative Lösung

Das ist zwar ein sehr langer Zeitraum - doch mit den Planung der Stadt deckt er sich. Vorher werde der Radweg voraussichtlich nicht gebaut, so Driesch.

Ob der Ausschuss sich für die komplette Umsiedlung der Vögel entscheiden wird, ist noch offen. Denkbar wäre auch eine Alternativlösung. Wie Frank Adamietz, Leiter des Kommunalbetriebs Werne, erklärte, könnte man den Radweg auch so umleiten, dass er entlang des Werthweges verläuft (auf der Karte in dunkelblau markiert). 

Dann müsste nur eines der Pärchen umgesiedelt werden. "In dem Fall würden 800 Quadratmeter Grünfläche ausreichen", erläutert Peter Driesch vom Kreis Unna.

Stacheln gegen Katzen

Doch wie funktioniert eigentlich die Umsiedlung? Da Nachtigallen, wie Driesch erklärt, recht nah am Boden nisten, würden auf dem Gelände der ehemaligen Kläranlage größtenteils Sträucher angepflanzt werden. "Die Vögel nisten etwa auf Kniehöhe, sie brauchen also Sträucher, die unten relativ dicht sind, damit sie dort ihre Nester bauen und sich dort ihre Nahrung besorgen können", so Driesch.

Um einen passenden Lebensraum zu schaffen, würde man etwa zehn verschiedene heimische Sträucher anpflanzen, zum Beispiel Holunder und Weißdorn. "Auch etwas Stacheliges ist wichtig, damit keine Katzen den Vögeln zu nahe kommen", sagt der Leiter des Natur- und Landschaftsschutzes im Kreis Unna.

Erfolg "relativ wahrscheinlich"

Wenn die Grünfläche nach etwa fünf Jahren genug gewachsen ist, könne man die Umsiedlung beginnen. Das funktioniert folgendermaßen: "In der Winterzeit, wenn keine Brutzeit ist und die Vögel in Afrika überwintern, kann der Freischnitt der Bahntrasse erfolgen", erklärt Driesch.

Wenn die Vögel dann im Frühjahr zurück kämen, sei es "relativ wahrscheinlich", dass sie sich in der nächstgelegenen geeigneten Grünfläche ansiedeln - in dem Fall auf dem ehemaligen Klärwerksgelände. Einem Fahrradweg entlang der Bahntrasse stünde dann - voraussichtlich 2022 - nichts mehr im Wege.

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