Menschenhandel: Clanmitglieder schweigen nach Aussageversprechen

rnNagelstudio-Prozess

Es geht um Menschenhandel, Geldwäsche und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe: Am Mittwoch wurde der Prozess um zwei Dutzend Nagelstudios mit illegalen Beschäftigten fortgesetzt.

von Matthias Münch

Werne, Münster, Bergkamen

, 01.07.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer sich zuerst aus der Deckung wagt, hat verloren. So ließ sich am Mittwoch (1. Juli), am zweiten Tag des Nagelstudio-Prozesses am Landgericht Münster, das Verhalten der Angeklagten interpretieren.

Denn während drei der sechs Angeklagten mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit zum Auftakt am 19. Juni Einlassungen zur Sache angekündigt hatten, machten am Mittwoch alle einen vorläufigen Rückzieher. Dabei wirken sich frühe Geständnisse vor oder zu Beginn der Beweisaufnahme in der Regel positiv auf das spätere Urteil aus. Und da könnte am 7. Juli schon ein erster Meilenstein kommen.

Zollfahnderin soll Licht in Firmengeflechte bringen

Denn an diesem Tag will die 12. Große Strafkammer die Leiterin der Ermittlungen hören, auf die sich die Staatsanwaltschaft im Wesentlichen stützt. Die Beamtin der Zollfahndung soll Licht auf das Firmengeflecht werfen, das mindestens zwei Dutzend illegal betriebene Nagelstudios unter anderem in Werne und Münster umfasst. Dabei sollen illegal aus Vietnam eingeschleuste Frauen 60 Stunden pro Woche schwarz in den Studios gearbeitet haben, wobei Krankenkassen und Finanzämter um Millionenbeträge geprellt wurden.

Jetzt lesen

Immerhin stellte die Verteidigung eines Hauptangeklagten am Mittwoch eine baldige Aussage ihres Mandanten zur Sache in Aussicht. Er ist einer der beiden Brüder mit deutscher und vietnamesischer Staatsbürgerschaft, die das Nagelstudio-Imperium aufgebaut haben sollen. Dass einer der Chefs vorangehen will, deutet darauf hin, dass die Clanstrukturen noch funktionieren.

Angeklagte sind in verschiedenen JVAs in NRW untergebracht

Neben den beiden 54 und 47 Jahre alten Brüdern sitzen auch zwei ihrer Nichten auf den wegen der Corona-Vorsichtsmaßnahmen weit auseinander gezogenen Anklagebänken: eine 31-Jährige aus Rottweil im Schwarzwald und ihre 37-jährige Schwester aus Dülmen. Die Schwarzwälderin soll die Geldströme der Bande durch Bankkonten und Mietverträge - auch von und nach Werne - mitgelenkt haben.

Rund 80 Ordner auf drei Wagen umfassen die Akten zum Nagelstudio-Prozess, die die Wachtmeister an jedem Sitzungstag in den großen Saal des Landgerichts Münster schieben.

Rund 80 Ordner auf drei Wagen umfassen die Akten zum Nagelstudio-Prozess, die die Wachtmeister an jedem Sitzungstag in den großen Saal des Landgerichts Münster schieben. © Matthias Münch

Die vier Verwandten sowie zwei weitere Angeklagte aus Paderborn und Bergkamen sitzen derzeit alle in Untersuchungshaft. Die Behörden haben sie in verschiedenen Justizvollzugsanstalten in NRW untergebracht. So fahren an jedem Prozesstag gepanzerte Wagen aus Bochum, Bielefeld, Dinslaken, Hamm und Dortmund am Landgericht vor. Nur der 47-jährige Hauptangeklagte sitzt in der JVA Münster.

Den Angeklagten wird neben dem Betrieb von zwei Dutzend Nagelstudios in Nordrhein-Westfalen mit illegal beschäftigten Landsleuten vorgeworfen, auch in Werne über Schlepper junge Frauen per Menschenhandel eingeschleust zu haben. Auch der Vorwurf der Geldwäsche ist Bestandteil des Verfahrens.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Straßenmusik in Werne
Wirt ist entsetzt über Platzverweis für Straßenmusiker: „So macht man die Innenstadt kaputt“