Die wechselvolle Geschichte Sim-Jü‘s, u. a. mit großem Viehmarkt, reicht mehr als 650 Jahre zurück. Die Nazis wollten die Kirmes umbenennen, der Name Simon-Juda (abgekürzt Sim-Jü) war ihnen zu jüdisch. © Förderverein Stadtmuseum Werne
Sim-Jü historisch

„Nichtjüdischer Name“: Nazis wollten Sim-Jü in Werne umbenennen

Die Tradition von Sim-Jü reicht mehr als 650 Jahre zurück, mit der Verleihung des Marktrechtes. In der Nazi-Zeit sollte zumindest die Namens-Tradition enden. Doch die Werner wehrten sich.

„Adolph, von Gottes Gnaden Bischof von Münster, verleiht im Einvernehmen mit seinen Ratgebern seinem ‚wicbelde werne‘ ( Wigbold Werne) und allen, die die übliche ‚kermesse ( Kirchmesse)…tho sente Symon und Juden misse‘ ( zu St. Simon-Juda / 28.Oktober ) besuchen wollen, das Recht der Marktfreiheit. Dieses Recht erstreckt sich auch auf die ‚twe daghe vore unde twe daghe na‘ ( zwei Tage vor und nachher ). Verliehen am 13.Dezember 1362.“ Diese aus dem Mittelniederdeutsch übertragenen Worte befinden sich noch heute gut lesbar auf der ältesten Pergamenturkunde, die Werne besitzt.

Älteste Pergamenturkunde Wernes belegt Sim-Jü-Start

Sie kennzeichnen den Beginn eines der ältesten und größten Jahrmärkte in Westfalen, „Sim-Jü“, wie er liebevoll von den Wernern, aber auch von den 100.000 Besuchern von Nah und Fern tituliert wird. Mit dieser Marktfreiheit, die früher fünf Tage, heute vier Tage, lang dauert und noch immer mit dem Hissen der Freifahne auf dem Marktplatz ihren Anfang nimmt, begann das mittelalterliche Städtchen Werne im Oberstift Münster erheblich an Bedeutung zu gewinnen.

Karl Everz (1883 - 1967 ) hat mit seiner Plattenkamera in den 30er und 40er Jahren Aufnahmen gemacht, um den Viehmarkt auf Sim-Jü zu zeigen, als er noch wesentlich bedeutender war als heutzutage. Er galt zu jener Zeit als einer größten Viehmärkte in ganz Westdeutschland.
Karl Everz (1883 – 1967 ) hat mit seiner Plattenkamera in den 30er und 40er Jahren Aufnahmen gemacht, um den Viehmarkt auf Sim-Jü zu zeigen, als er noch wesentlich bedeutender war als heutzutage. Er galt zu jener Zeit als einer größten Viehmärkte in ganz Westdeutschland. © Förderverein Stadtmuseum Werne © Förderverein Stadtmuseum Werne

Die Verleihung weiterer Rechte, u.a. das Befestigungs-, Wegegeld- und Münzrecht, folgten in den nächsten Jahrzehnten, da der Bischof von Münster Werne als Grenzbastion gegen die häufig eindringenden Grafen von der Mark jenseits der Lippe auszubauen beabsichtigte. Obwohl die Kirchmesse zu Simon-Juda weder der einzige noch der älteste Markt von Werne war, stieg sein Ansehen, besonders ab dem 17. Jahrhundert mit dem Viehmarkt im Herbst, als die übrigen Märkte nach und nach verschwanden.

Er blieb lange Zeit das einzig überregional bedeutsame jährliche Ereignis in Werne. Die Verleihung der Marktfreiheit im Mittelalter beinhaltete auch, dass an diesen Tagen die Gerichtsbarkeit allein in den Händen des Stadtrates lag und nicht durch den Landesherrn oder seinen Beauftragten wahrgenommen werden durfte.

Ärger um Steuerschulden im Jahr 1600

Folgende urkundlich aufgezeichnete Begebenheit von der Sim-Jü-Kirchmesse im Jahre 1600 aus dem Stadtarchiv Werne verdeutlicht uns dieses wichtige Privileg: Zu Beginn der Sim-Jü-Freiheit wurde einem Besucher aus der Bauerschaft wegen Steuerschulden sein Pferd bei Eintritt durch das Werner Stadttor vom fürstbischöflichen Amtsrentmeister gepfändet.

Kein noch so lauter Protest half dem armen Bauern, doch da nahmen sich die Ratsherren seiner an. Ein zweijähriger Rechtsstreit zwischen der Stadt Werne und dem Rentmeister als Vertreter des Landesherrn folgten nun, denn eine derartige amtliche Handlung durfte vom Rentmeister während der fünf Tag währenden Marktfreiheit keineswegs vorgenommen werden.

Abschluss per Handschlag. Das galt lange auf dem Viehmarkt anlässlich der Sim-Jü-Kirmes in Werne.
Abschluss per Handschlag. Das galt lange auf dem Viehmarkt anlässlich der Sim-Jü-Kirmes in Werne. © Förderverein Stadtmuseum Werne © Förderverein Stadtmuseum Werne

In der jüngeren Vergangenheit waren die Sorgen der Werner Ratsherren hinsichtlich ihrer Sim-Jü gänzlich anderer Art: 1938 erhielt der Bürgermeister ein Schreiben des Kreispropaganda-Leiters aus Lüdinghausen, der der NSDAP angehörte, mit der Aufforderung, schon ab dem nächsten Jahr „eine passendere ‚nichtjüdische‘ Benennung des Marktes zu finden, z.B. ‚Der weltbekannte Werner Oktobermarkt‘ oder einfach ‚Herbstmarkt‘“, wie es in einem Zeitungsartikel heißt.

Doch da hatte man nicht mit der Sturheit und der Traditionsverbundenheit der Münsterländer gerechnet, denn mit seltener Einmütigkeit wies der Werner Stadtrat dieses Ansinnen zurück und blieb auch in den darauffolgenden Jahren starrköpfig, als wegen des Namens Sim-Jü eine Hetzkampagne vom „Stürmer“ und anderen nationalsozialistischen Presseorganen initiiert wurde.

So kann man glücklicherweise in diesem Jahr nach der Corona-Pause in Werne wieder vom 23. bis 26. Oktober 2021 beim traditionellen Nationalgericht (Mettwurst mit Sauerkraut ) Sim-Jü feiern.