Personen-Abteil hängt hinter den Kohle-Waggons der Zechenbahn

rnAbschied vom Bergbau

Unter Tage transportierten kleine Loks das schwarze Gold zu den Förderkörben. Und über Tage? Entstand ein dichtes Netz an Zechenbahnen. Werne war mit dabei.

von Heidelore Fertig-Möller, Karl-Heinz Möller

Werne

, 05.11.2018, 14:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bereits kurz nach Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnverbindung von Nürnberg nach Fürth 1835 bestanden Absichten, das Kohlenrevier an der Ruhr mit dem Münsterland durch eine Eisenbahnstrecke zu verbinden. 1847 wurde die erste Eisenbahnstrecke durch das Ruhrgebiet fertiggestellt – die Köln-Mindener-Eisenbahn.

Unüberschaubares Netz von Zechenbahnen

Aus diesen Anfängen entwickelte sich letztendlich ein unüberschaubares Netz von Bahnstrecken kreuz und quer durch den Pott. Aus den Privatbahnen wurden unter der Federführung des in Werne geborenen Ministers Albert von Maybach schließlich die Preußische Staatsbahn, die Reichsbahn und die Bundesbahn.

Personen-Abteil hängt hinter den Kohle-Waggons der Zechenbahn

Eine Dampflok der Baureihe 80, wie sie auf der Strecke verkehrte. © Förderverein Stadtmuseum

Dieses gewaltige Netz wurde im Ruhrgebiet ergänzt und erweitert durch heute mancherorts kaum noch nachvollziehbare Industriebahnen – das Gesamtstreckennetz war so umfangreich und dicht, dass ein Lokführer einmal äußerte, man könne besser mit der Lok zum Einkaufen fahren als mit der Straßenbahn.

Von Werne nach Bockum-Hövel

Teil dieses Netzes, wenn auch mehr am Rand, war die Zechenbahn der Zeche Werne und damit die Werne-Bockum-Höveler-Eisenbahn. 1905 bekam Werne durch die Zechenbahn den ersten indirekten Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz.

Personen-Abteil hängt hinter den Kohle-Waggons der Zechenbahn

Kohleverladung am Kanal in Rünthe. Aus den Waggons auf der Brücke fiel die Kohle direkt ins Schiff. © Förderverein Stadtmuseum

Nachdem auch der letzte Plan, die Bahnlinie Osterfeld-Hamm, die über Werne geführt werden sollte, gescheitert war, entschloss sich die Bergbaugesellschaft Georgsmarien-Verein, die die Zeche Werne abgeteuft hatte, im Jahr 1901, mit dem Bau einer eigenen 12 Kilometer langen normalspurigen Anschlussbahn nach Ermelinghof (später Bockum-Hövel) an der Bahnstrecke Hamm-Münster zu beginnen.

Kohlen für den Georgsmarien-Hüttenverein Osnabrück

Diese Bahn war erforderlich, um täglich Kohlen von der Zeche Werne nach Osnabrück zum Georgsmarien-Bergwerks- und Hütten-Verein zu befördern. Der Magistrat, der Bürgermeister und die Stadtverordneten setzten sich dafür ein, den Georgsmarien-Verein zu verpflichten, auch Güter Dritter und vor allem auch Personen auf seiner Zechenbahn zu befördern.

Personen-Abteil hängt hinter den Kohle-Waggons der Zechenbahn

Der Bahnhof Werne-Ost an der Lippestraße. Das Gebäude ist heute noch zu erkennen, die Bahntrasse verwandelte sich in einen Radweg. © Förderverein Stadtmuseum

Am 19. Juni 1904 wurde die polizeiliche Genehmigung erteilt, die vollspurige Grubenbahn von Werne über Stockum nach Ermelinghof in eine nebenbahnähnliche Kleinbahn für die Beförderung von Personen und Gütern mittels Dampfkraft umzuwandeln.

Die Kleinbahn führte fortan ein bis zwei Personenwagen mit. Bis 1985 wurden diverse alte Personenwagen an die Werksbahn angehängt, unter anderem ein Wismarer Wagen, der nach seiner Abstellung auf der Zeche Zollern in den 90er-Jahren völlig verkam, bis ihn die Wismarer Eisenbahnfreunde erwarben und zurzeit aufarbeiten lassen.

Zu Beginn verkehrten drei Zugpaare der Zechenbahn

Man sollte zu einem geringen Preis (50 Pfennig pro Person für eine Fahrt im Jahr 1983) mindestens einmal am Werktag von Werne nach Bockum-Hövel und zurückfahren können. Zunächst verkehrten täglich drei Zugpaare (morgens, mittags und abends), später nur noch ein Zugpaar morgens.

Personen-Abteil hängt hinter den Kohle-Waggons der Zechenbahn

Kleinbahnfahrt im Jahr 1983 von der Autorin Heidelore Fertig-Möller und Tochter Alexandra. © Förderverein Stadtmuseum

Die Strecke wurde über das Zechengelände entlang der Straße nach Bergkamen/Kamen fortgeführt und überquerte dabei die Lippe und den Kanal. Auf der Kanalbrücke gab es die berühmte direkte Entladung der Kohlenwagen in die Kanalschiffe.

Insgesamt wurde die Bahn mit Verbindungen zu weiteren Zechen bis zur Hamm-Osterfelder-Bahn geführt und hatte damit nicht nur über Ermelinghof Anschluss nach Norden, sondern über die Hamm-Osterfelder-Bahn Anschluss ins Ruhrgebiet.

Letzter Personenwagen fuhr 1985

Im Jahre 1985, also vor 33 Jahren, wurde zum letzten Mal ein Personenwagen angehängt, und die Bahn fuhr unter großer Beteiligung der Werner Bevölkerung am Vormittag nach Bockum-Hövel und zurück – der damalige Bürgermeister Franz-Josef Grube und eine Klasse der Wiehagen-Grundschule durften mitfahren.

Heute ist die Strecke ab Stockum über Werne bis Kamen Radweg. An den Kleinbahnhof an der Lippestraße, der heute noch existiert und sich in Privatbesitz befindet, erinnert ein Großfoto im 1. Obergeschoß des Werner Museums und ein Foto auf dem Stromkasten vor dem ehemaligen Zechenbahnüberweg, das erst vor kurzem vom Verkehrsverein Werne dort angebracht worden ist.

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