Nach drei Jahren: Verbrecher aus dem Nordkreis werden wieder in Kamen eingebuchtet

rnPolizei im Kreis Unna

Eine bauliche Veränderung in der Polizeiwache Kamen sorgt dafür, dass wieder mehr Polizei auf den Straßen des Nordkreises unterwegs sein kann. Böse Buben müssen nicht mehr nach Unna gebracht werden.

Kamen, Bergkamen, Werne, Selm

, 07.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit einem deutlichen Rumms fällt die dicke Stahltür zu, die von innen keine Klinke hat. Als Martin Volkmer, Leiter der Polizeiwache Kamen, den Türgriff auf der Außenseite kurz nach oben bewegt, gibt es ein Klicken. Beides sorgt für einen Moment der Gänsehaut und ein Gefühl, dass es wohl besser ist, auf der richtigen Seite des Gesetzes zu bleiben. Diese Geräusche hören sonst nämlich nur diejenigen, die deutlich über die Strenge schlugen und in Polizeigewahrsam genommen werden müssen.

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Neue Zellen in der Polizeiwache Kamen

Einblicke in den neuen Polizeigewahrsam in der Wache Kamen, in dem Verbrecher und Betrunkene aus dem Nordkreis Unna vorübergehend untergebracht werden.
07.08.2020
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Die Beobachtungszellen dienen vor allem zur Ausnüchterung oder Beruhigung von Randalierern. © Stephanie Tatenhorst
Polizei und Landrat freuen sich über den neuen Zellentrakt in der Polizeiwache Kamen.© Stephanie Tatenhorst
Martin Volkmer, Leiter der Polizeiwache Kamen, erklärt, wie wichtig die Menschenwürde beim Bau der neuen Zellen war. Die Toilette befindet sich hinter der Mauer, weil diese Zelle mit bis zu vier Personen belegt werden kann.© Stephanie Tatenhorst
Landrat Michael Makiolla, Bürgermeisterin Elke Kappen und Martin Volkmer in der Zelle, die mit bis zu vier Personen belegt werden kann.© Stephanie Tatenhorst
Mit Kameras sind die Zellen überwacht. Die Polizeibeamten können auf einem Bildschirm im Flur erkennen, was hinter den Türen passiert.© Stephanie Tatenhorst
Diese Liegestätte kostete Nerven. Zunächst war sie sechs Zentimeter höher als nach veränderten Rahmenbedingungen erlaubt. Sie musste abgesenkt werden.© Stephanie Tatenhorst
Dicke Stahltüren mit Sicherheitsmerkmalen verschließen die vier Zellen im Polizeigewahrsam.© Stephanie Tatenhorst
Der Notrufknopf an der Bettstatt ist auch erreichbar, wenn Personen im Gewahrsam fixiert werden müssen© Stephanie Tatenhorst
In der Beobachtungszelle für Randalerier und Betrunkene gibt es keine richtige Toilette, sondern nur so einen Ablauf, damit sich niemand verletzen kann.© Stephanie Tatenhorst
In der Gemeinschaftszelle für bis zu vier Personen befindet sich die Toilette hinter einer halbhohen Wand.© Stephanie Tatenhorst

66 Personen wurden schon festgesetzt

Seit Mai können dafür die neuen Räume in der Wache in Kamen genutzt werden. 66 Personen wurden schon darin untergebracht. Wie lange sie bleiben, hängt vom Grund ab: Zur Gefahrenabwehr darf es nicht länger als zwölf Stunden sein, im alkoholisierten Zustand sind es wenige Stunden bis zur Ausnüchterung.

Doch geht es um kriminelle Handlungen, dann kann die Zeit in der Zelle auch schon mal bis zum Ende des darauffolgenden Tages gehen. Stunden, in denen die Menschen hinter den Türen auch verpflegt werden müssen. „Dafür arbeiten wir mit einem örtlichen Betrieb zusammen, der die Anlieferung des Essens übernimmt“, erklärt Martin Volkmer.

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Der Leiter der Wache Kamen ist ebenso wie der Leitende Polizeidirektor Peter Schwab, Landrat Michael Makiolla als Dienstherr und die Kamener Bürgermeisterin Elke Kappen froh, dass der Polizeigewahrsam nach drei Jahren endlich wieder zur Verfügung steht. Denn während der dreijährigen Bauzeit mussten alle in Gewahrsam genommenen Menschen aus dem gesamten Nordkreis nach Unna gebracht werden.

Verbesserte Flexibilität und Verfügbarkeit in den Kommunen

Das kostete vor allem in den Bereichen Selm und Werne, aber auch Bergkamen, Bönen und Kamen viel Zeit, denn der Prozess dauerte so mehrere Stunden. „Streifenwagen und Personal wurden unnötig lange dafür gebunden“, erklärt Makiolla. Und beides fehlte in dieser Zeit für andere Einsätze oder Präsenz.

Dass man nun in Kamen wieder eine „vollwertige funktionsfähige Polizeiwache“ habe, so Makiolla, stärke die Präsenz der Polizei im ganzen Nordkreis und verbessere die Flexibilität der Polizeikräfte. Die etwa 750.000 Euro, die investiert wurden, seien daher gut angelegtes Geld.

Einfach war der Umbau allerdings nicht, denn in der dreijährigen Bauzeit veränderten sich die rechtlichen Anforderungen an den Polizeigewahrsam ständig, und die bereits im Jahr 2014 begonnenen Planungen mussten immer wieder den aktuellen Anforderungen angepasst werden.

Menschenwürde und Menschenrechte wichtig

„Es geht bei so einer Einrichtung nicht nur um baufachliche Dinge, es geht auch um Menschenwürde und Menschenrechte, vor allem muss aber verhindert werden, dass Personen in den Zellen zu Schaden kommen“, betont Makiolla.

Aus jedem Vorfall, der im Land passiere, versuche das Innenministerium Konsequenzen zu ziehen und Gefahrensituationen durch neue Regelungen, Vorgaben und Anforderungen vorzubeugen.

Diese Liegestätte kostete Nerven. Zunächst war sie sechs Zentimeter höher als nach veränderten Rahmenbedingungen erlaubt. Sie musste abgesenkt werden.

Diese Liegestätte kostete Nerven. Zunächst war sie sechs Zentimeter höher als nach veränderten Rahmenbedingungen erlaubt. Sie musste abgesenkt werden. © Stephanie Tatenhorst

Das merkte man in Kamen in der Bauphase ganz direkt. Andernorts war eine Person in Gewahrsam von der Bettstatt gefallen und hatte sich den Arm gebrochen. Die Konsequenz: Liegestätten durften eine gewisse Höhe nicht mehr überschreiten. Doch in Kamen lag man sechs Zentimeter darüber. Wieder musste nachgebessert werden. „Die rechtlichen Anforderungen haben sich permanent verändert. So zog sich die Bauzeit über insgesamt drei Jahre“, erklärt der Leitende Polizeidirektor Peter Schwab.

Zum Schutz der Menschenrechte befindet sich die Toilette in der Gruppenzelle hinter einer Mauer.

Zum Schutz der Menschenrechte befindet sich die Toilette in der Gruppenzelle hinter einer Mauer. © Stephanie Tatenhorst

Zum Gewahrsam führt ein separater Eingang

Straftäter, Randalierer, Betrunkene und Gewalttätige werden künftig durch einen separaten Eingang ins Gewahrsam gebracht und nicht mehr durch den Haupteingang wie vor dem Umbau. Damals mussten drei Sicherheitstüren und ein langer Gang passiert werden - und auch der Warteraum, wo möglicherweise Opfer saßen.

Nun befindet sich direkt nach der Außentür eine Sicherheitsschleuse, in der sich die Polizei ihrem besonderen Klienten annehmen kann. Persönliche Gegenstände muss er abgeben, ebenso Dinge, an denen er sich verletzten könnte. Müssen an der Kleidung Spuren gesichert werden oder wurde sie extrem schmutzig oder nass, gibt es Wechselkleidung. Und erst dann geht es in den eigentlichen Zellentrakt.

Vier Zellen mit dicken Stahltüren

Vier dicke Stahltüren gibt es hier, hinter denen bis zu sieben Personen festgesetzt werden können. Die ersten beiden Zellen sind Beobachtungszellen. Kamera überwacht können Betrunkene hier unter Aufsicht ihren Rausch ausschlafen oder Randalierer zur Ruhe kommen. Die Liegestätte bietet die Möglichkeit, den Insassen zu fixieren; dennoch kann er einen Notrufknopf erreichen, sollte er Hilfe benötigen.

Wer nicht zur Ausnüchterung in den Gewahrsam kommt, hat neben einer richtigen Toilette auch Gelegenheit, sich die Hände zu waschen.

Wer nicht zur Ausnüchterung in den Gewahrsam kommt, hat neben einer richtigen Toilette auch Gelegenheit, sich die Hände zu waschen.

Die beiden anderen Zellen sind für Strafgefangene, die länger bleiben. Auf dem Bett kann auch gesessen werden und es gibt eine richtige Edelstahltoilette. In der größeren der beiden Zellen können bis zu vier Personen gleichzeitig sein. Damit sie ihre Notdurft unter menschenwürdigen Bedingungen verrichten können, findet sich die Toilette hinter einer halbhohen Mauer. Zum Schutz der Beamten, die die Tür öffnen, können aber auch diese Räume über Kameras betrachtet werden, allerdings nur mit wechselnden Bildern und nicht auf Dauer. Das wäre rechtlich nicht zulässig.

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