Post aus Werne für eine Schwerkranke kommt über Umwege doch noch an

rnHilfe für Schwerkranke

Es gibt Fälle, da landet Post unzugestellt im Müll. Es geht auch anders. Zwei, mehr als 300 Kilometer entfernte Personen sorgten dafür, dass eine Schwerkranke ihren Brief doch noch bekam.

Werne

, 28.08.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wir waren alle erschüttert, als wir das hörten“, sagt Christine Gerard. Eine langjährige Freundin von ihr ist schwer erkrankt. Sie werden sich wahrscheinlich nie wieder sehen. Trotzdem will sie ihr Genesungswünsche aussprechen, zeigen, dass sie an sie denkt. Doch beinahe wäre die Botschaft nie angekommen.

Die 82-jährige Christine Gerard wohnt seit 1975 in Werne. Sie hat eine kleine Gruppe an Freundinnen, die verteilt in Deutschland leben. Zum Beispiel in Oberhausen oder Hamburg. In der Hansestadt etwa wohnt ihre Freundin Hildegard.

Normalerweise telefonieren sie mindestens einmal in der Woche. Doch Hildegard liegt in einem Krankenhaus in Hamburg. Sie ist so schwer erkrankt, dass ein Telefonat nicht mehr möglich ist. Trotzdem denkt ihre Werner Freundin an sie.

Hildegard heißen viele

Es ist eine Freundschaft, beinahe so lang wie ein Leben. Eine Freundschaft, in der man gemeinsam lacht. Eine Freundschaft, in der man sich aber auch deutlich die Meinung sagt und sich dies nicht übel nimmt.

„Sonst wär es ja keine echte Freundschaft“, meint Christine Gerard. Sie will ihrer kranken Freundin eine Postkarte nach Hamburg schicken.

Doch beim Beschriften des Umschlags, passiert das Missgeschick. Sie wird immer wieder abgelenkt. So vergisst sie, den Nachnamen ihrer Freundin auf den Umschlag zu schreiben. „Und Hildegard heißen nun mal viele“, sagt die 82-Jährige.

Unbekannter im Treppenhaus

Schon lange bastelt Christine Gerard leidenschaftlich gerne Karten. Zum Geburtstag, zu Weihnachten oder auch kleine Umschläge für Trinkgeld.

Die Karte mit den gemeinsamen Erinnerungen und der Hoffnung, wieder voneinander zu hören war längst abgeschickt. Dann am Dienstag stand plötzlich „ein junger Mann bei mir im Treppenhaus“, erklärt Christine Gerard.

Er fragte, ob sie die Frau Gerard sei und ob sie eine Bekannte namens Hildegard in einem Hamburger Krankenhaus hätte. Sie sei sehr verwundert gewesen. Wieso wusste dieser, für sie Unbekannte, von ihrer Freundin Hildegard? Wieso stand er da bei ihr Zuhause?

Anruf aus Hamburg

Der junge Mann stellte sich als Wilm Neuhaus, Junior-Chef des gleichnamigen Möbelhauses heraus, das sich bei ihr um die Ecke befindet. Er erklärte ihr, dass sie einen Anruf bekommen hätten.

Post aus Werne für eine Schwerkranke kommt über Umwege doch noch an

Auf ihre gebastelten Karten ist Christine Gerard stolz. © Wilco Ruhland

Auf der anderen Seite der Telefonleitung hätte sich eine Frau aus der Poststelle eines Krankenhauses in Hamburg gemeldet. Er konnte sich auch nicht erklären, woher Mitarbeiter eines Krankenhauses aus der Hansestadt wussten, dass das Möbelhaus in der Nähe von Christine Gerard ist.

Brief einfach wegwerfen?

Mit einem Anruf in Hamburg klärte sich das Ganze. Dort wusste man nicht, an wen genau die Karte gehen sollte. Also öffneten sie dort den Brief um herauszufinden, an wen die Botschaft aus der Lippestadt gerichtet war.

Doch auch in der darin befindlichen, gebastelten Postkarte, stand weit und breit kein Nachname der adressierten Hildegard. Was tun? Sich ein Beispiel an dem Werner Postboten nehmen, der seinen Job wohl nicht ganz so ernst nahm und eine Ladung Briefe entsorgte? Warten, bis der nächste Brief aus dem Nordrhein-Westfälischen Werne kommt?

Adresse um die Ecke

Name und Adresse der Absenderin standen darauf. Doch natürlich keine Telefonnummer. Also warf die Hamburgerin einen Blick auf eine Landkarte. Gibt es nicht vielleicht eine Gaststätte oder ein Geschäft in der Nähe? Sie stieß auf das Werner Möbelhaus an der Selmer Landstraße. Also griff sie zum Hörer.

„Plötzlich hat mich eine Dame aus Hamburg angerufen, die mir die Lage erklärte“, sagt Wilm Neuhaus. Da die Adresse nur rund 200 Meter „um die Ecke“ sei, machte er sich auf. „Frau Gerard wusste erst gar nicht, was los ist, sie hat mich ja noch nie gesehen“, meint der Junior-Chef des Familienunternehmens.

Freundinnen, die sich wohl nie mehr sehen

Mehr als 60 Jahre sind Christel – wie ihre Freundinnen Christine Gerard nennen – und Hildegard befreundet. Sie haben immer Kontakt gehalten. „Ich wollte ihr schreiben, da wir uns wahrscheinlich nie mehr sehen.“ Denn selbst wenn es ihrer Freundin Hildegard besser gehen sollte, können sie schon länger nicht mehr gemeinsam in den Urlaub fahren. „Wir sind alle krank“, erklärt Gerard.

„Ich finde das richtig schön, dass sich das Krankenhaus und auch das Möbelhaus die Mühe gemacht haben zu helfen“, freut sie sich. „Es gibt so viele Nickeligkeiten auf der Welt und dann ist das schon etwas Besonderes, wenn sich zwei Personen aus unterschiedlichen Städten so einsetzen“, meint sie weiter.

„Die Dame in dem Hamburger Krankenhaus hat eigentlich bestimmt Besseres zu tun, deswegen ist es auch besonders, dass sie sich so Gedanken gemacht hat“, meint Christine Gerard.

Kleine Geste, große Wirkung

Ihre Emotionen scheinen Achterbahn zu fahren. Das sieht man Christine Gerard im Gespräch an. Da sind Traurigkeit und Mitgefühl, wenn sie über die schwere Krankheit der Freundin nachdenkt. Und Wehmut, sich wahrscheinlich nie wieder zu sehen.

Doch dabei schwingt auch pure Freude mit. Bei den Erinnerungen, wie sie sich lautstark begrüßten, an gemeinsame Urlaube. Rührung und große Dankbarkeit, über die kleine Geste zweier weit voneinader entfernter Menschen, die für eine große Wirkung sorgte.

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