Prügelnde Kinder und saufende Lehrer: Eine Kirchhof-Story

rnVideo-Kolumne Heidewitzka

Schlägereien auf dem Kirchhof und alkoholisierte Lehrer. Wer ein paar Jahre zurückblickt, dem kommt die heutige Bildungslandschaft wie ein Paradies vor. Darum geht’s diesmal bei „Heidewitzka!“

Werne

, 17.08.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was ist bloß mit dem Bildungssystem los? Da mangelt es an Lehrern. Und die, die es gibt, sind auch noch überfordert mit ihren Schülern, die ihnen auf der Nase herumtanzen. So manch einer wünscht sich bei einer solchen Betrachtungsweise die „guten, alten Zeiten“ zurück. Da herrschte wenigstens noch Zucht und Ordnung. Meinen zumindest viele - stimmt aber gar nicht...

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Heidewitzka Folge 15 - Die Lateinschule

Werne im Jahre 1592. Der Pastor ist stinksauer und wendet sich in seiner Verzweiflung an die Werner Ratsherren. Die nehmen das, was der Geistliche zu sagen hat, ordnungsgemäß zu Protokoll. Dort heißt es:

„Der Pastor beklagte sich, dass keine Ordnung und Regiment in der Schule sei. Auch auf dem Chor die Jungens keine Disziplin halten. Sie schlagen, sie stoßen, bei den Ohren ziehen und sonst alle anderen Neckereien betreiben und bat, darüber Einsehen zu tun.“

Lehrerqualifikation: Nicht vollsaufen und fluchen

Der Rat geht den Dingen nach, richtet seine Aufmerksamkeit dabei allerdings nicht auf die Schüler, sondern auf die Lehrkräfte. Vielleicht sollte man sie austauschen gegen besser Qualifizierte?

Die Anforderungen sind noch nicht einmal besonders hoch. Die wichtigste Auflage: Sie sollen sich ausdrücklich „nicht vollsaufen“ und fluchen. Da scheinen selbst berufliche Seiteneinsteiger allerbeste Chancen zu haben.

Fest steht jedenfalls: Es muss sich etwas ändern, damit der Streit zwischen den beiden benachbarten Schulen auf dem Kirchhof endlich ein Ende findet. Hier trifft - wenn man so will - der Pöbel auf die gesellschaftliche Oberschicht.

Prügelnde Kinder und saufende Lehrer: Eine Kirchhof-Story

Eine Bodentafel vor dem Haupteingang der Christophorus-Kirche erinnert heute noch an die Lateinschule. © Felix Püschner

Zwei Bildungsschichten an einem Standort

Hier die schon im 14. Jahrhundert erwähnte Lateinschule mit der etwas besser gestellten Klientel, die über das nötige Kleingeld für eine höhere Bildung verfügt - und dort die deutsche Schule. Die Bildungseinrichtung für die unteren Stände, in der den Kindern allenfalls das Vater Unser und ein bisschen Rechnen und Schreiben beigebracht wird.

Wen wundert es da überhaupt, dass sich gerade an der deutschen Schule das Personalkarussell schneller dreht als jedes Sim-Jü-Fahrgeschäft? Also doch nix mit Zucht und Ordnung. Wäre ja irgendwie auch zu einfach gewesen.

Lehrerkarussell kommt zum Stillstand

Wirkliche Ruhe kommt in den Laden erst fast 300 Jahre später - mit dem Bau des neuen Schulgebäudes 1869, das noch bis in die 1950er-Jahre erhalten bleibt. Und heute? Da sieht man eher selten prügelnde Jungen und saufende Lehrer über den Kirchhof laufen.

Und an dem damaligen Ort des Geschehens, direkt neben der Christophorus-Kirche, erinnern heute nur noch die Bodentafel und der Umriss der alten Lateinschule an das alte Bildungssystem. Ist vielleicht auch besser so.

Neue Themenführung und Kolumne:
  • Der Verkehrsverein am Roggenmarkt bietet in diesem Herbst eine neue Themenführung an, die besonders für ältere und/oder behinderte Personen mit Rollator geeignet ist.
  • Der Rundgang dauert gut 45 Minuten und führt lediglich um die Werner Kirche St. Christophorus herum.
  • Es werden dabei Anekdoten und Histörchen zur Kirche, zur Lateinschule, dem Heilig-Geist-Hospital, dem Rathaus und dem Alten Amtshaus in humorvoller Weise erzählt. Die Termine werden noch bekannt gegeben.
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