Psychologin aus Werne im Interview: Das stellt die Corona-Krise mit uns an

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Wut, Verzweiflung, Angst - die Corona-Krise wirkt sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf unsere Psyche aus. Wie genau das abläuft, haben wir die Werner Psychologin Dr. Gabriele Angenendt gefragt.

Werne

, 16.11.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Weniger Freizeitmöglichkeiten, fehlende soziale Kontakte, Isolation und womöglich sogar Quarantäne: Die Pandemie bringt in vielerlei Hinsicht Einschränkungen mit sich. Und die stellen natürlich auch psychologisch etwas mit uns an, wirken sich - teils dramatisch - auf unser psychisches Befinden aus. Wir haben mit der Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt über genau diese Dinge gesprochen. Im ersten Teil unseres großen Interviews geht es um Ängste, Aggressionen und den teils rauen Umgangston im sozialen Miteinander.

Frau Angenendt, betrachten wir die Corona-Krise einmal als Ganzes: Sind Angst, Verunsicherung und Frust die Begriffe, die am besten beschreiben, was die Krise in uns Menschen auslöst?

Angst und Verunsicherung auf jeden Fall. Das liegt daran, dass die Situation so unberechenbar ist. Viele Menschen können damit nicht umgehen – auch, weil sie so eine existenzielle Krise bislang noch nicht erlebt haben. Das trifft wohl auf die meisten von uns zu. Abgesehen von den Älteren, die vielleicht noch Kriegserfahrungen gemacht haben. Für alle anderen ist eine solche Situation völlig neu.

Über den aktuellen Stand der Dinge werden wir doch permanent auf dem Laufenden gehalten. Schlecht informiert dürfte sich also niemand fühlen.

Ja, aber es sind einerseits sehr viele Informationen. Und andererseits haben die Informationen, die man heute bekommt, oft schon morgen keinen Wert mehr. Die Lage ändert sich ständig – die Zahlen täglich und die Regeln auch häufig. Das sorgt für ein Durcheinander. Die Menschen brauchen klare Aussagen und müssen eine Möglichkeit der Orientierung haben.

Die Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt

Die Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt © Angenendt

Warum ist das so wichtig?

Wir Menschen haben Grundbedürfnisse. Dazu gehören unter anderem das Bedürfnis nach Sicherheit und das nach Kontrolle über das, was mit uns geschieht. Und um beide ist es in der aktuellen Pandemie schlecht bestellt. Wir versuchen, durch die vielen Informationen möglichst viel Sicherheit zu bekommen – und erreichen dadurch oft das Gegenteil: Verwirrung. Und das wiederum kann uns in eine Situation der Hilflosigkeit stürzen.

Und daraus kann dann Frust werden?

Genau. Angst kann Aggression auslösen. Das erkennt man gerade auch besonders gut im täglichen sozialen Miteinander.

Ein Beispiel bitte.

Ich habe vor ein paar Tagen auf Facebook mal das Erlebnis einer Freundin gepostet. Sie war von einer Frau angepöbelt worden, weil sie etwa 50 Meter mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone zum Supermarkt gefahren war – und das ohne Maske. Wahrscheinlich, weil sie in dem Moment einfach nicht daran gedacht hat oder die neue Regelung noch gar nicht kannte. In meinem Post habe ich darauf hingewiesen, dass man durchaus freundlich miteinander sprechen kann, wenn so etwas passiert.

Und wie waren die Reaktionen?

Den Hinweis haben die meisten jedenfalls ignoriert. Das Gegenteil war nämlich der Fall. Es dauerte nicht lange, da gab es schon 200 Kommentare. Und fast alle waren polarisierend. Da gab es nur sehr wenig Mittelmaß. Die einen schrieben, die Radfahrerin sollte sich am besten selbst anzeigen – die anderen regten sich total über das Verhalten der zurecht weisenden Frau auf. Manche meinten, ich würde meine Freundin mit dem Post an den Pranger stellen. Und einige schimpften einfach nur und behaupteten, wir würden gerade wie in einer Diktatur leben.

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Dann nähern wir uns ja schon der Gruppe der Verschwörungstheoretiker…

Die gibt es natürlich auch. Und beides – sowohl die Aggression als auch das Leugnen von Corona – sind nur zwei Seiten einer Medaille und in gewisser Weise auch Schutzmechanismen. Wer davon überzeugt ist, das Virus gäbe es nicht, der fühlt sich sicherer. Genauso wie derjenige, der besonders energisch darauf achtet, dass andere eine Maske tragen. Wir kompensieren durch dieses Verhalten unsere Hilflosigkeit und erlangen wieder ein Stück Kontrolle und Handlungsfähigkeit. Das suggeriert uns die Möglichkeit, etwas tun zu können in einer Situation, in der man eigentlich nichts tun kann.

Besonders eingeschränkt sind gerade die Menschen, die mehrere Wochen in Quarantäne verbringen müssen. Wie wirkt sich eine solche Situation zusätzlich auf einen Menschen aus?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle – man müsste vorab Unterscheidungen treffen, um das erklären zu können.

Welche denn?

Es ist beispielswiese ein Unterschied, ob jemand allein oder in einer großen Familie lebt und ob er das in einer 60 oder 200 Quadratmeter großen Wohnung tut. Auch das Alter spielt eine Rolle.

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Dann gehen wir doch einfach mal vom durchschnittlichen Single-Haushalt aus…

Auch da müssen wir aber unterscheiden, um was für einen Menschen es sich handelt. Ist es ein Mensch, der sehr darauf angewiesen ist, positives Feedback von außen zu bekommen oder jemand, der so etwas nicht unbedingt braucht? Ersterer wird wahrscheinlich stark unter der Quarantäne leiden. Dort ist er plötzlich völlig isoliert und auf sich selbst zurückgeworfen. Viele werden dann fragil in ihrem Selbstwerterleben. Dann beginnen sie, an sich zu zweifeln. Viele schaffen es dann auch nicht, sich aus eigenem Antrieb zu motivieren. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Menschen, die ohnehin schon etwas zurückgezogener leben. Denen macht dann der Lockdown oder sogar die Quarantäne kaum etwas aus.

Aber es ist doch ein Unterschied, ob man etwas nicht machen möchte oder nicht machen darf…

Natürlich fühlen wir uns durch die Quarantäne eingeschränkt. Aber manche stört das eben nicht so sehr wie andere. Ich habe zum Beispiel Patienten mit einer Angststörung, die so eine Isolation sogar angenehm finden. Bei denen gibt es allerdings ein anderes Problem. Denn bei der Behandlung einer Angststörung muss man sich mit der Angst konfrontieren, oder bei einer Depression zum Beispiel sind Dinge wie Sport treiben, rausgehen und sich mit Freunden treffen ganz essenziell für den Gesundungsprozess. Und diese Möglichkeiten fallen natürlich weg, wenn man in Quarantäne ist.

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Erhöht eine Quarantäne-Situation denn tatsächlich das Risiko, in eine Depression zu geraten?

Ja, es gibt sogar ganz aktuelle Studien, die das belegen. Quarantäne ist nicht nur ein Gefahrenfaktor für eine Depression, sondern auch für Suizid. Das heißt aber nicht, dass jeder, der in Quarantäne muss, automatisch besonders stark gefährdet ist.

Wie kann man einer solchen Depression denn entgegenwirken?

Eine Depression entsteht häufig, wenn Menschen sich hilflos fühlen. Wenn sie keine Konzepte haben, um die Situation, in der sie sich befinden, zu bewältigen. Man muss ihnen dann etwas an die Hand geben, damit sie wieder Kontrolle erlangen. Aber das besteht nicht darin, sich von morgens bis abends über die aktuelle Zahl der Coronafälle zu informieren. Das reicht einmal am Tag – und dann bitte nicht direkt vor dem Schlafengehen.

Was sollte man stattdessen tun?

Es ist wichtig, eine feste Tagesstruktur zu haben. Das gilt aber für alle Menschen – nicht nur für Depressive. Wenn wir verstärkt im Home Office arbeiten oder gar in Quarantäne sind, dann verlieren wir unsere gewohnten Strukturen oft. Wichtig ist es zudem, sich auf Dinge zu fokussieren, die man beeinflussen kann, die einem gut tun und Freude machen. Kochen zum Beispiel – oder ein anderes Hobby, dem man auch in der Quarantäne-Zeit nachgehen kann. Vielleicht gibt es auch Dinge, für die man bislang keine Zeit hatte, die man jetzt aber machen kann. Ein gutes Buch lesen zum Beispiel.

Teil 2 des Interviews folgt

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