Radfahren in Werne: Zwischen kleinen Baustellen und großen Zielen

rnInitiative Radverkehr

Vor einem halben Jahr hat sich die Initiative Radverkehr in Werne gegründet. Ihre Ziele und Forderungen sind ambitioniert. Man wähnt sich auf einem guten Weg - aber es drohen Stolperfallen.

Werne

, 28.04.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sonnige Tage und blühende Blumen locken - trotz Kontaktsperre - viele Leute vor die Tür. Und ein bisschen Bewegung kann ja auch nicht schaden. Zumindest nicht, wenn man den nötigen Abstand hält. Neben Joggern und Spaziergängern trifft man inzwischen aber auch wieder mehr Radfahrer. Und die sollten in Werne in diesem Jahr zu einem größeren Thema werden – vor allem wenn es nach dem Willen der „Initiative Radverkehr in Werne“ geht.

Die hatte Anfang November 2019 ihre Gründungsveranstaltung, anschließend recht klare Ziele für die Lippestadt formuliert und sich mit ihrem Anliegen dann an die Werner Stadtverwaltung und die lokale Politik gewandt. Aber wo steht man jetzt eigentlich genau? Wann könnte der Radverkehr so rollen, wie man sich das auf Seiten der Initiative wünscht? Und sind die Organisatoren überhaupt zufrieden mit dem, was sich in den vergangenen Monaten getan hat?

Holger Bergemann (43) und Jan Heidenreich (21) gehören zur Initiative Radverkehr in Werne.

Holger Bergemann (43) und Jan Heidenreich (21) gehören zur Initiative Radverkehr in Werne. © Felix Püschner

Beim Werner Radverkehr geht’s ums große Ganze

„Zunächst mal freue ich mich, dass es uns als Initiative überhaupt noch gibt“, sagt Holger Bergemann (43) mit einem Schmunzeln. „So etwas verläuft ja auch schnell mal im Sande. Aber bei uns hat sich ein harter Kern von Leuten gebildet, die sich nachhaltig einbringen.“ Bergemann ist Mitbegründer der Initiative, zu deren hartem Kern auch Jan Heidenreich (21) gehört.

Der sagt: „Solche Bürgerinitiativen entstehen ja meist dadurch, dass Menschen sich zusammensetzen und sich aufregen. Wir hatten natürlich auch den Wunsch, dass sich etwas ändert. Aber wir sind die Sache ein bisschen anders angegangen.“ Anstatt immer wieder Bürgeranträge einzureichen und einzelne Problemstellen zu kritisieren, habe die Initiative den Hebel an einer anderen Stelle angesetzt. Es gehe eher ums große Ganze - auch wenn man die einzelnen Teile dabei nicht aus den Augen verlieren dürfe.

Letzteres zeigt sich auch beim Blick auf die Internetseite der Initiative. Auf einer interaktiven Karte der Lippestadt sind Beispiele für „Defizite im Werner Radverkehr“ markiert. Aktuell sind es 35 Punkte. Wer einen davon anklickt, bekommt ein Foto und eine Kurzbeschreibung des Problems angezeigt - etwa die Kreuzung Kurt-Schumacher-Straße/Münsterstraße.

Dazu heißt es: „Gefahrenstelle! An der Kurt-Schumacher-Straße dürfen Radfahrende in Fahrtrichtung Westen kurz vor der Kreuzung den Gehweg mitbenutzen. Die folgende Ecke ist jedoch wegen des Gebäudes sehr eng und kaum einsehbar. Die Autos dagegen haben mehr Platz als nötig wäre.“

Und zu dem Punkt an der Alten Münsterstraße lautet die Anmerkung: „Die ‚Schutzstreifen‘ sind hier keine Hilfe, denn sie werden häufig durch parkende Autos versperrt. Hohe Gefahr durch unvermittelt sich öffnende Autotüren. Autos überholen häufig mit zu geringem Abstand.“

Unter anderem an der Alten Münsterstraße sieht die Initiative Radverkehr Verbesserungsbedarf. Hier würden die "Schutzstreifen" für Radfahrer häufig durch parkende Autos versperrt, heißt es.

Unter anderem an der Alten Münsterstraße sieht die Initiative Radverkehr Verbesserungsbedarf. Hier würden die „Schutzstreifen“ für Radfahrer häufig durch parkende Autos versperrt, heißt es. © Initiative Radverkehr

Die einzelnen Problemstellen auf dem Werner Stadtgebiet sind - wenn man so will - die kleinsten Teile eines großen Puzzles, das den Namen „Radverkehrskonzept“ trägt. Denn genau ein solches Konzept fordern die Mitglieder der Initiative. Das übergeordnete Ziel ist es, den Radverkehrsanteil in der Lippestadt von derzeit 21 auf 40 Prozent zu erhöhen. Die Stadt müsse dazu unter anderem dauerhaft erheblich mehr Geld in den Radverkehr investieren, zusätzliche Planungskräfte einstellen und einen „Runden Tisch Radverkehr“ bilden - so die Vorstellung der Initiative.

„Wir sind mit unserem Hauptanliegen durchaus auf offene Ohren in der Politik und Verwaltung gestoßen. Wir fühlten uns auf jeden Fall ernst genommen“, sagt Bergemann nach den ersten Gesprächen im engeren Kreise einigermaßen zufrieden: „Vor allem Bürgermeister Lothar Christ hat sich sehr aufgeschlossen gezeigt.“

Radverkehr als Baustein im Mobilitätskonzept

Letzterer hatte aber ebenso betont, dass ein solches Radverkehrskonzept sinnvollerweise Teil eines deutlich umfassenderen Mobilitätskonzepts sein müsse: Die Fußgänger, der ÖPNV, Möglichkeiten der E-Mobilität - im Prinzip stellt sich die Frage nach dem Ist-Zustand und den Möglichkeiten der gesamten städtischen Infrastruktur. Und die lässt sich nicht mal eben auf die Schnelle beantworten. Im Idealfall liegt ein solches Konzept 2021 auf dem Tisch.

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Immerhin: Dadurch, dass sich Werne inzwischen dem sogenannten „Zukunftsnetz Mobilität NRW“ angeschlossen hat, darf man auf zusätzliche Fördergelder hoffen. Allerdings hinterlässt die Corona-Krise in Bezug auf den Zeitplan bereits jetzt ihre Spuren: Derzeit ist planungstechnisch eher Schritttempo angesagt. Aufgrund der aktuellen Lage habe sich jedoch zumindest die Einreichungsfrist der Förderanträge bis August verlängert, erklärt Adrian Kersting von der Abteilung Straßen und Verkehr auf Anfrage unserer Redaktion.

Im Hinblick auf die Kreuzung Stockumer Straße/Hansaring spricht die Initiative von "´sinnloser Straßenmalerei" und einer "No-Go-Area für Kinder"

Im Hinblick auf die Kreuzung Stockumer Straße/Hansaring spricht die Initiative von „sinnloser Straßenmalerei“ und einer „No-Go-Area für Kinder“. © Initiative Radverkehr

„Uns ist klar, dass im Hinblick auf den Radverkehr etwas passieren muss. Wir sind auch überzeugt, dass wir hier gute Entwicklungsmöglichkeiten haben. Die Radfahrer und den ruhenden Verkehr werden wir im Mobilitätskonzept besonders berücksichtigen“, so Kersting.

Allerdings stellt die Stadt dieses Konzept natürlich nicht in Eigenregie auf. Man ist auf ein Planungsbüro angewiesen. Das soll nicht nur schauen, wie die Lippestadt in puncto Mobilität aufgestellt ist, wo es noch Luft nach oben gibt und was sich überhaupt umsetzen lässt - es soll auch die „Moderation“ übernehmen. Denn Wernes Bürger sollen bei dem neuen Konzept ein Wörtchen mitreden dürfen.

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Ein Bürgerdialog nur übers Internet?

Wie genau die für den Sommer geplanten öffentlichen Auftaktveranstaltungen aussehen werden, ist unklar. Eine große Podiumsdiskussion mit Hunderten Teilnehmern erscheint angesichts der aktuellen Corona-Lage kaum vorstellbar. Man müsse zur Not andere Wege finden, sagt Kersting. Eine Öffentlichkeitsbeteiligung ausschließlich über das Internet? „Das wäre möglich. Aber wir müssen jetzt erst einmal schauen, wie sich die Lage entwickelt.“

Weder Kersting noch Bergemann machen einen Hehl daraus, dass man in Bezug auf die bisher besprochenen Maßnahmen nicht immer einer Meinung war. Grundsätzlich tausche man sich jedoch regelmäßig aus - und diese Gespräche seien bislang recht konstruktiv verlaufen, heißt es.

„Wir haben da ja schon einige Punkte gesammelt. Da kann später niemand sagen, man habe von diesen Stellen nichts gewusst.“
Holger Bergemann

Klar ist: Ein derart umfangreiches Konzept, wie es die Beteiligten anstreben, benötigt Zeit und Geld - und Durchhaltevermögen. Nicht zuletzt, weil die unterschiedlichen Zuständigkeiten einmal mehr Probleme bereiten könnten. Denn einfach drauf losbauen kann die Stadt nicht. Die Umsetzung vieler Einzelmaßnahmen ist von der Zustimmung des Kreises Unna und dem Landesbetrieb Straßen NRW abhängig.

Erste Erfolge konnte die Initiative aber durchaus schon verbuchen. Bergemann nennt etwa den Hochbordradweg am Fürstenhof, der nicht mehr bei jeder Einmündung abgesenkt wird sowie die reduzierte Fahrbahnbreite als Verkehrsberuhigungsmaßnahme auf der Berliner Straße. Und auch das neu eingeführte Parkverbot auf einem Teilabschnitt der Münsterstraße (B54) auf Höhe des Berufskollegs begrüße man natürlich. Fehlt nur noch ein entsprechender Radweg in diesem Bereich. Der ist im Zuge des Projekts „Werne neu verknüpft“ allerdings immerhin schon in Sicht.

Planer sollen nicht bei null anfangen müssen

Dennoch bleiben viele Baustellen - von eher abstrakten Konzepten bis hin zu ganz konkreten Problemfällen. Bergemann schaut noch einmal auf die Karte: „Wir haben da schon einige Punkte gesammelt. Da kann später niemand sagen, man habe von diesen Stellen nichts gewusst. Wenn das Planungsbüro tätig wird, sieht es hoffentlich unsere Seite und muss nicht bei null anfangen. Vielleicht ist da ja etwas Brauchbares dabei“, hofft Bergemann.

Auf dem Weg zum großen Ganzen - dem Radverkehrsanteil von 40 Prozent - kann es bestimmt nicht schaden, wenn man die kleinen Puzzleteile im Blick behält.

Mehr über die Werner Initiative

  • Die Mitglieder der Initiative Radverkehr treffen sich monatlich - aufgrund der aktuellen Corona-Krise fallen viele Termine jedoch aus.
  • Wer sich über die Ziele und geplanten Aktionen der Initiative informieren oder Anregungen geben möchte, kann das auf der Homepage tun unter www.radverkehr-werne.de
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