Schindelbauer spricht über Fischerhof und Lippestadion

Evenkamp-Serie

In dieser Folge der Evenkamp-Serie erinnert sich Stefan Schindelbauer (geborener Preik) an den Fischerhof, die Dorfkirmes und das Lippestadion. Er schoss damals beim letzten Spiel für den VfL Werne 27 ein Tor. Das sind seine Erinnerungen an den Evenkamp.

WERNE

, 29.06.2016, 16:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Stefan Schindelbauer (54) fällt es schwer, an dem planierten Grundstück der Weihbachschule vorbeizugehen. „Nun ist die Grundschule auch weg“, sagt er. Sie wurde Ende 2015 abgerissen. Von seiner alten Heimat ist wenig geblieben.

Sein Elternhaus liegt an der Hüsingstraße 14. Gegenüber war der Kindergarten (heute das AWO-Heim), 40 Meter entfernt das Lebensmittelgeschäft Wüste. „Da habe ich für meine Mutter Lockenwickler gekauft. 80 Prozent unseres Bedarfs haben wir dort eingekauft.“ Die Gaststätte Fröhlich an der Hüsingstraße war 30 Meter entfernt, die Drogerie Wiegand an der Stockumer Straße 130 Meter, Metzgerei Leuschner nicht weit weg. „Alles war fußläufig zu erreichen.“

Als Kind ging der heutige Westnetz-Mitarbeiter zur damaligen Barbara-Hauptschule. Nebenan war die legendäre Eisdiele „Tante Erna“ mit Disko-Kugel an der Decke und Musikbox. Drei bis vier Kneipen in unmittelbarer Nähe. Eine Poststelle lag an der Königsberger Straße.

Erste Imbissbude

Im Haus Beyer an der Stockumer Straße/Ecke Hüsing-Straße zog die erste Imbissbude (1971) ein – später war es das Vereinslokal des VfL Werne 27. Im heutigen Wohngebiet Beckingsbusch lagerte Kohle. Die Halde war ein Paradies für die „Jeuster“. Einen Großteil seiner Jugend verbrachte Stefan Schindelbauer am Fischerhof. „Das Zentrum von meinem Evenkamp. Hier gingen wir baden, Fußball spielen und anschließend in die Kneipe.“

Als er klein war, fand hier sogar noch an Muttertag eine Kirmes statt. „Ich weiß noch, wie ich Raupe gefahren bin.“ Besser bekannt ist Stefan mit Hausnamen Preik. „Als ich geheiratet habe, nahm ich den Namen meiner Frau an“, erzählt er, wie der Standesbeamte ihn warnte: „Haben Sie sich das gut überlegt?“

Abriss des Stadions

Stefan Schindelbauer war mit Leib und Seele Fußballer, VfLer. Den Sportverein hatten 1927 Bergarbeiter gegründet, ihr Fußballplatz war das Lippestadion, in dem auch Breitensport und Bundesjugendspiele stattfanden. Im letzten Spiel standen sich VfL und Sportfreunde gegenüber. Stefan verwandelte den Elfmeter zum 2:1. „Es war mein letztes Tor an der Lippe.“

Anschließend bauten die Spieler das Tor des Lippestadions ab und trugen es zum Vereinslokal „Haus Beyer“. Der Verein hatte mit dem Hartplatz im Dahl bereits ein neues Stadion im Evenkamp gewonnen. 2007 löste sich der VfL auf und verschmolz mit der BSG Rother zur heutigen „Eintracht Werne“.

An das Stadion an der Lippe erinnert heute noch der Garagenhof, der für die neuen Mehrfamilienhäuser am Fischerhof gebaut wurde. Die Gaststätte Fischerhof, die in den 1970er-Jahren als Diskothek „Deele“ zu neuer Blüte kam, wurde 1991 abgerissen. Auch die bekannte Litfaß-säule, die vor dem Gebäude an der Lippestraße Neuigkeiten bekannt machte, machten die Bagger dem Erdboden gleich.

Zur Person: Stefan Schindelbauer

Geboren wurde Stefan Schindelbauer am 5. August 1961, Hüsingstraße 14. Zur Schule ging er in die Weihbach- und Barbara-Schule (Hauptschule). Seine Kindheit hat der Sohn von Alois und Gerda Preik im Evenkamp verbracht. Sein Zuhause war das Lippe-Stadion am Fischerhof.

Hintergrund: Die Bauerschaft Evenkamp

Der Evenkamp zählte einst zu den größten Bauerschaften in Werne. Die Grenzen erstreckten sich im Norden bis Holthausen (etwa Nordlippestraße), im Osten bis Stockum (Autobahn), im Westen bis zur Stadtgrenze, teils der ehemaligen Stadtmauer (Alte Münsterstraße, Bült, Ostmauer, Kurt-Schumacher-Straße, Stadtsee) und im Süden bis zur Lippe.

Die Bevölkerung nahm in Werne aufgrund der Zechen vor allem durch angeworbene Bergleute aus Schlesien, Ostpreußen, Polen und dem Saarland, stetig zu. Der Bau von Schacht 1 in Werne war am 17. August 1899. Für die Unterbringung der Bergleute baute der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Kolonie im Evenkamp. Dazu kamen später zwei Siedlungen: Eine davon ist heute noch bekannt als „Negerdorf“ (Gewerbegebiet Brede). Hinzu kamen die Kolonie Bracht- und drei Reihenhäuser an der Burbankstraße.

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit soviel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Bewohner des Evenkamps waren stolz auf ihren Bezirk, der etwas Verruchtes hatte, wie es im Werner Volksmund immer wieder heißt. Die „Städter“ wollten mit der Kolonie nichts zu tun haben.

Aber inzwischen ist es längst Geschichte und in die alten Zechenhäuser sind „Auswärtige“ gezogen. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Tante Erna“, die legendäre Eis-Diele neben der Barbara-Schule?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Telefon (02389) 982910.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Allein sieben Lebensmittelgeschäfte zählte das Gebiet um Lippestraße und Stockumer Straße. Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

 

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