So ist das Leben in der Notunterkunft am Werthweg

Fotos aus der Einrichtung

Bis zu 200 Flüchtlinge finden in der Notunterkunft am Werthweg in Werne-Stockum Platz. Derzeit sind es nur 36 Bewohner. Ende Oktober soll dieEinrichtung dann sogar aufgegeben werden. Wir haben uns den Alltag in der Unterkunft angesehen - und sind auf bewegende Bilder gestoßen.

STOCKUM

, 09.06.2016, 05:23 Uhr / Lesedauer: 3 min
So ist das Leben in der Notunterkunft am Werthweg

Der Kickertisch in der Kardinal-von-Galen-Turnhalle ist eines der wenigen Highlights im Alltag der Bewohner in der Notunterkunft am Werthweg.

Mit ernster Miene steht Erkan Bostanci hinter dem Absperrzaun der Flüchtlingsunterkunft am Werthweg. Gekleidet ganz in Schwarz. Auf dem Rücken prangt der Schriftzug „Security“. „Was kann ich für Sie tun?“, fragt er. „Ich habe einen Termin mit Herrn Imka, dem Einrichtungsleiter“, antworte ich. Bostanci spricht in sein Funkgerät. Und auf eine verrauschte Antwort folgt ein freundliches „Okay, kommen Sie rein“. Der Rundgang durch die Flüchtlingsunterkunft beginnt.

Schon am Eingang fällt mein Blick auf einen alten Wohnwagen. Der Pausen- und Empfangsraum für die Sicherheitskräfte sozusagen. Schön ist anders. Aber das alte Stück erfüllt seinen Zweck, versichert man mir.

FOTOSTRECKE
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So sieht es in der DRK-Notunterkunft am Werthweg aus

Bis zu 200 Flüchtlinge finden in der Notunterkunft am Werthweg in Stockum Platz. Derzeit sind es nur 36 Bewohner. Ende Oktober soll die Unterkunft aufgrund der abnehmenden Zuwanderungszahlen leergezogen werden. Wir haben uns den Alltag in der Unterkunft angesehen. Bei einem Rundgang haben uns bewegende Bilder erwartet.
08.06.2016
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Alexander Imka leitet die Einrichtung am Werthweg.© Foto: Felix Püschner
In den drei großen Metallzelten finden insgesamt 200 Flüchtlinge Platz. Derzeit sind es allerdings nur 36.© Foto: Felix Püschner
Die Räume im hinteren bereich der Kardinal-von-Galen-Turnhalle wurden zu Kleiderkammern umfunktioniert.© Foto: Felix Püschner
Versorgen die Bewohner der Unterkunft mit Kleidung (v.l.): Anja Barkowski, Heni Meinke und Hildegard Grote.© Foto: Felix Püschner
Der Kickertisch in der Kardinal-von-Galen-Turnhalle ist eines der wenigen „Highlights“ im Alltag der Bewohner.© Foto: Felix Püschner
Die Kardinal-von-Galen-Turnhalle ist Teil der DRK-Notunterkunft.© Foto: Felix Püschner
In den drei großen Metallzelten finden insgesamt 200 Flüchtlinge Platz. Derzeit sind es allerdings nur 36.© Foto: Felix Püschner
In den drei großen Metallzelten finden insgesamt 200 Flüchtlinge Platz. Derzeit sind es allerdings nur 36.© Foto: Felix Püschner
Die Turnhalle dient als Aufenthaltsraum. Manchmal gibt es hier sogar ein kleines Unterhaltungsprogramm.© Foto: Felix Püschner
Die Turnhalle dient als Aufenthaltsraum. Manchmal gibt es hier sogar ein kleines Unterhaltungsprogramm.© Foto: Felix Püschner
Kinder haben mehrere Bilder an die "Künstlerwand" in der Sporthalle gehängt. Bunte Landschaften, fröhliche Menschen und die deutsche Flagge sind darauf zu sehen - aber auch traurige Gesichter.© Foto: Felix Püschner
Kinder haben mehrere Bilder an die "Künstlerwand" in der Sporthalle gehängt. Bunte Landschaften, fröhliche Menschen und die deutsche Flagge sind darauf zu sehen - aber auch traurige Gesichter.© Foto: Felix Püschner
Einrichtungsleiter Alexander Imka zeigt eines der Hefte, mit denen die Flüchtlinge deutsch lernen.© Foto: Felix Püschner
Die drei großen Metallzelte, in denen zusammen bis zu 200 Flüchtlinge Platz finden sind nüchtern eingerichtet.© Foto: Felix Püschner
In den Schlafräumen der Flüchtlingsunterkunft stehen einfache Doppelstockbetten aus Holz.© Foto: Felix Püschner
Weil die Leitungen in der alten Turnhalle nicht ausreichend stabil sind, muss ein Stromgenerator für die Versorgung herhalten.© Foto: Felix Püschner
Ein alter Wohnwagen dient als Pausenraum für die Sicherheitskräfte.© Foto: Felix Püschner
Sorgen für die Sicherheit in der Unterkunft (v.l.): Murat Özkan, Shalan Gündüz und Erkan Bostanci.© Foto: Felix Püschner
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Viele Menschen kommen nur mit einer Plastiktüte an

Alexander Imka führt mich über das Gelände. Erste Station: die drei Unterkünfte, bestehend aus einem Unterbau aus Metall und einem Zeltdach. Dort finden zusammen bis zu 200 Flüchtlinge Platz. Sie sind nüchtern eingerichtet. Weiße Trennwände, ein schlichter Holzboden. Im Eingangsbereich liegen Legosteine, ein paar kleine Sandalen und ein Kinderroller.

„Unsere Mitarbeiter räumen hier gerade auf“, sagt Imka. Die Schlafräume entlang des Ganges sind mit einfachen Doppelstockbetten aus Holz ausgestattet – maximal vier Stück pro Raum. Auf einem liegt noch ein alter Koffer. „Nicht gerade viel Gepäck“, murmel ich. „Und ob. Die meisten Menschen kommen lediglich mit einer Plastiktüte bei uns an. Und einige bringen sogar nur das mit, was sie gerade am Körper tragen“, berichtet der Einrichtungsleiter.

Bei ihrer Ankunft erhält jeder Flüchtling ein Starterpaket

Ausgelastet ist die Unterkunft am Werthweg schon lange nicht mehr. Seit Januar leben durchschnittlich 60 bis 70 Menschen hier. Derzeit sind es sogar nur 36 – allerdings aus vielen verschiedenen Nationen, von Guinea bis Syrien. Ihre reguläre Verweildauer in der Unterkunft beträgt ein bis zwei Wochen. Dann werden sie anderen Kommunen zugewiesen.

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Mitte Juni kommen wieder 45 neue Flüchtlinge in die Einrichtung am Werthweg. Bei ihrer Ankunft erhalten sie ein „Starterpaket“ mit Handtüchern, Rasierern, Zahnbürsten und anderen Hygieneprodukten. Wer Kleidung benötigt, erhält sie unter anderem bei Anja Barkowski, Hildegard Grote und Heni Meinke – drei der vielen ehrenamtlichen Helfer. Ihr Arbeitsort liegt in den hinteren Räumen der umfunktionierten Kardinal-von-Galen-Turnhalle. Regale voller Hemden, Hosen, Schuhe – allesamt sortiert nach Größe – befinden sich darin. Es ist eng, die Luft ist stickig. „Weil die Heizung kaputt ist. Sie läuft in einer Tour“, erklärt Barkowski.

Die Verständigung klappt immer irgendwie

Heni Meinke kümmert sich derweil um das Anliegen eines jungen Mannes aus Ghana, der eine Hose und ein Paar Schuhe benötigt. Weil er weder Deutsch noch Englisch spricht, zeigt er auf die kleine Tafel, auf der Zeichnungen von Kleidungsstücken abgebildet sind.

„Irgendwie klappt das mit der Verständigung immer – zur Not mit einem Dolmetscher“, sagt Grote grinsend. Bei einem Großteil der Kleidung handelt es sich um Spenden von Bürgern, die sie persönlich hier vorbeigebracht haben. Genauso wie das Spielzeug für die kleinen Bewohner der Unterkunft.

Stockbrotessen als Highlight für die Kinder

In der großen Sporthalle können sich die Kinder austoben. Hier findet – wenn man so will – das „Unterhaltungsprogramm“ statt. Heute ist davon nichts zu sehen. In der Ecke liegt ein alter Fußball, auf der anderen Seite der Holztrennwand steht ein Kickertisch. Mehr nicht. 

„Der Tisch war eine Spende. Und wir haben natürlich noch mehr Bälle. Es gibt auch eine Leseecke und Fahrräder. Wir tun eben, was wir können. Letztens war ein Clown hier, um die Kinder zu unterhalten. Und in der vergangenen Woche haben wir ein Stockbrotessen veranstaltet. Das war schon ein Highlight“, erzählt Imka, während er durch die Halle geht. Stockbrotessen als Highlight. Klingt schon komisch, denke ich mir.

Weitere Highlights: Taschengeld und "Luxusartikel"

Jeden Dienstag bekommen die Flüchtlinge ihr Taschengeld. Noch so ein Highlight. 31,50 Euro gibt’s für einen Erwachsenen. Für private „Luxusartikel“. Meist sind das Fahrkarten für den Bus. Oder Internetkarten, um mit den Familienmitgliedern in der Heimat zu kommunizieren. Manchmal gelingt den DRK-Mitarbeitern sogar eine Familienzusammenführung, wie Imka erklärt.

Einen solchen Fall habe man erst kürzlich erlebt. Bei der Flucht aus Syrien war ein 16-jähriger Junge in der Türkei verloren gegangen. „Irgendwann ist er in Heidelberg gelandet. Als wir davon erfahren haben, sind wir gleich mit dem Vater hingefahren. Als die beiden sich in den Arm genommen haben – das war schon bewegend“, erinnert sich Imka.

Die Kinder malen gefühlvolle Bilder

Bewegend sind auch die Bilder, die die Kinder an die Turnhallenwand gehängt haben. Bunte Landschaften, fröhliche Menschen und die deutsche Flagge sind darauf zu sehen. Aber auch traurige Gesichter. Schwer traumatisierte Menschen leben hier laut Imka nicht.

Das bedeutet aber keineswegs, dass sie keine schlimmen Erfahrungen gemacht haben. In den Bildern kommen die Gefühle zum Ausdruck. Man braucht kein Kunstexperte zu sein, um das zu erkennen.

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Die Stromzufuhr macht der Einrichtung Probleme

Beim Verlassen der Halle ertönt plötzlich ein lautes Dröhnen. Der Stromgenerator. „Den brauchen wir für die Essenszubereitung. Die alten Leitungen machen das nicht mit. Die Stromzufuhr ist eines unserer größten Probleme. Es ist eben alles sehr spartanisch hier“, erklärt Imka.

Erkan Bostanci nickt zustimmend. Dann schließt er das Tor hinter mir und verabschiedet sich: „Schön, dass Sie mal hier waren.“

Schließung 2016
Die vom Deutschen Roten Kreuz betriebene Notunterkunft am Werthweg wurde im November 2015 eröffnet.
Anfang dieses Jahres hatte die Landesregierung aufgrund der abnehmenden Zuwanderungszahlen allerdings beschlossen, die meisten Notunterkünfte wieder zu schließen und durch zentrale Einrichtungen zu ersetzen.
Die Unterkunft am Werthweg soll Ende Oktober leergezogen werden.

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