So ungewöhnlich klang die Orgel in Cappenberg

Faust-Konzert

Die gute alte Vorenwegorgel der Stiftskirche schüttelte ihre gute, barocke Kinderstube ab und gab sich modern: Schrägschrill statt harmonisch, aufwühlend statt ausgewogen. Und dann noch ein Pfarrer, der von Teufel, Tod und Trinkgelage spricht. Hören Sie selbst.

CAPPENBERG

, 22.08.2016, 14:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bizarre Akkorde in der Stiftskirche lockten rund 200 Zuhörer am Sonntagnachmittag in die Cappenberger Stiftskirche. Es erwartete sie ein Konzert, das Goethes Tragödie „Faust“ vom bildungsbürgerlichen Staub befreit und kraftvoll ins Hier und Jetzt geholt hat. 

Auch dem Dichterfürst Goethe, der als junger Stürmer und Dränger seinen „Faust“ zu schreiben begann und ihn als altersweiser Klassiker beendete, hätte es gefallen. Um Zeitvertreib durch märchenhafte Unterhaltung ging es ihm schließlich nicht, sondern um das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“: Um das über Leichen gehende Streben nach Wissen, Macht und Lust; um den Kampf von Gut gegen Böse – nicht nur auf den Schlachtfeldern dieser Welt, sondern auch im Innern jedes Einzelnen. Melodische Andachtsmusik passt nicht dazu. Wohl aber diese irritierend anderen, ebenso befremdlichen wie schönen Klänge. 

Der Komponist und sein klangvolles Werk

Petr Eben (1929-2007) aus Tschechien hat sie komponiert. Der Holocaust-Überlebende hatte sich für seine Komposition in neun Szenen der ganzen Klangfülle der Orgel  bedient: von der mächtigen Erhabenheit der Königin der Instrumente, die selbst massive Eichenbänke in Cappenberg zum Vibrieren bringt – die passende akustische Untermalung für den Auftritt von Erzengeln und Teufel – bis zur Frivolität eines Leierkastens, der die Betrunkenen in Auerbachs Keller begleitet. Eben hatte das alles für moderne Orgeln geschrieben.

Ein Weltklasseorganist zu Gast in Cappenberg

Die Cappenberger Vorenwegorgel stammt mit ihren 230 Jahren allerdings aus Goethes Lebzeiten. Dass das kein Hindernis ist, sondern eine Herausforderung, die zu meistern einen Weltklasseorganisten ausmacht, zeigte Stephen Tharp aus New York eindrucksvoll. Er ließ die Barockschönheit aus dem 18. Jahrhundert jazzen, walzern, schreien und schluchzen, als ob sie die abgrundtiefen Verwerfungen der Moderne am eigenen Pfeifenleib erlebt hätte. Pater Altfried Kutsch unten am Rednerpult stand der Leistung des Musikers oben auf der Orgelbühne in nichts nach. Er las nicht nur die von Eben geschriebenen Erklärungen und ausgewählten Szenen aus Goethes Werk, er verlieh Faust, Mephisto, Gretchen und den anderen Figuren vielgestaltiges Leben.

Dank wechselnden Tonfalls, veränderten Sprechtempos, sparsamer, aber gezielt eingesetzter Gesten: Theater für die Ohren, das der aufwühlenden Musik nicht nachstand. Von wegen Zumutung: Zum Mut, in die traditionelle Reihe „Cappenberger Orgelsommer“ den Faust aufzunehmen, ist den Organisatoren nur zu gratulieren. Und allen, die früher gingen, sei versichert: Am 18. September ab 17 Uhr stehen beim letzten Konzert dieses Jahres wieder Bach und Mozart in der Stiftskirche auf dem Programm. 

 

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