Seit knapp einem Monat hat die neue Sparkassenfiliale am Markt in Werne geöffnet. Besucher mit Handicap zweifeln an der Barrierefreiheit, mit der die Verantwortlichen geworben haben.

Werne

, 17.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Alle Anlaufstellen im Erdgeschoss, zwei barrierefreie Eingänge und Selbstbedienungsschalter, die für Rollstuhlfahrer erreichbar sind. Die neue Sparkassenfiliale wurde nicht nur optisch neu, sondern auch barrierefrei gestaltet. Das zumindest haben die Verantwortlichen der Sparkasse an der Lippe so formuliert.

Einen Monat nach der Eröffnung der neuen, modernen Filiale herrscht allerdings Resignation bei betroffenen Menschen. Ein Problem ist das Abheben von Bargeld. In der neuen Filiale gibt es keine Bargeld-Schalter mehr. Geldscheine bekommen Kunden nur noch am Selbstbedienungsterminal.

Schon Schließung der Außenstellen bringt Nachteile

Wer bei der Bedienung Hilfe benötigt, muss sich nun in einen separaten Raum begeben, wie Kurt Wörmann, Vorsitzender des Sozialverbands (Vdk) Werne, erzählt. „Man muss anklopfen und schauen, ob eine Mitarbeiterin da ist. Wenn nicht, muss man erst einmal eine Mitarbeiterin ausfindig machen. Mit ihr geht man dann zum Automaten“, erzählt Wörmann. Der Selbstbedienungsbereich ist nun deutlich großzügiger gestaltet.

Der Betroffene wird das Problem gemeinsam mit dem Vorstand besprechen und schriftlich dem Vorstand des Geldinstituts schildern. „Schon durch die Schließung der Außenstellen gab es für Menschen, die nicht so mobil sind, Nachteile. Und wer jetzt mit dem Automaten nicht klar kommt, hat ein Problem“, sagt Kurt Wörmann, der einräumt, dass man sich auf die digitalen Veränderungen vorbereiten müsse.

Menschen mit Handicap und Senioren zweifeln an Barrierefreiheit in neuer Sparkassenfiliale

Der Sitzbereich in der neuen Sparkassenfiliale: Die tiefen Cocktailsessel seien nicht für (Geh-) Behinderte geeignet, sagt Kurt Wörmann, Vorsitzender des VdK. Die leicht erhöhten Holzbänke sollen als Alternative dienen. © Julian Reimann (A)

Bargeld gibt es nur noch am Automaten

Die Möglichkeit, allein den Selbstbedienungsautomaten zu bedienen, hat Bärbel Drohmann nicht. Die Wernerin, die aufgrund einer Fehlbildung durch das Medikament Contergan mit verkürzten Armen zur Welt kam, steht in der neuen Sparkassenfiliale vor einem Problem.

Sie kann nur mithilfe ihrer Assistentin oder eines Mitarbeiters der Sparkasse an Bargeld kommen. „Während der Öffnungszeiten ist immer ein Mitarbeiter für die Kunden im Selbstbedienungsbereich vor Ort als Ansprechpartner zur Stelle, der bei Fragen zur Verfügung steht oder bei der Bedienung der Geräte behilflich ist“, erklärt Barbara Thöne, Pressesprecherin der Sparkasse an der Lippe. Die Automaten seien zudem mit einer Blindenunterstützung für Menschen mit einer Sehbehinderung ausgestattet.

In der alten Filiale hat Kundin Bärbel Drohmann die Barauszahlung ohne Hilfe erledigt. Sie hat die Geldscheine am Bargeld-Schalter von einem Mitarbeiter in ihr Portemonnaie legen lassen. Dass es solch einen Schalter nicht mehr gibt, verärgert die Lehrerin.

Die Sparkasse verzichtet bewusst darauf: „Zum einen hat die Frequentierung der Schalter in den letzten Jahren konstant abgenommen und zum anderen nehmen mittlerweile alternative Möglichkeiten - zum Beispiel bargeldlose Bezahlverfahren - eine immer größer werdende Bedeutung ein“, sagt Barbara Thöne.

„Keine Gedanken gemacht“

Ein schwacher Trost für Bärbel Drohmann: Sie müsste eigentlich ihren Vertrag über das Girokonto bei der Sparkasse ändern. Da würde schließlich ausdrücklich drin stehen, dass sie ihren persönlichen Pin nicht an Dritte weitergeben soll, so Drohmann.

Doch genau das muss sie nun tun, damit die Assistentin oder Sparkassen-Mitarbeiterin am Automaten Geld für Bärbel Drohmann abheben kann. Kritisch sieht Drohmann auch die Situation für Menschen im Rollstuhl. Der Beratungsschalter sei viel zu hoch.

„Das Gespräch wird dann an einem gesonderten Tisch geführt. Ich nenne ihn Katzentischchen“, sagt Drohmann, die auf die UN-Behindertenrechtskonvention verweist. Demnach sollen gesellschaftliche Bereiche für alle Menschen zugänglich oder geöffnet sein. „Man merkt, dass man sich darüber gar keine Gedanken gemacht hat“, sagt Drohmann.

Menschen mit Handicap und Senioren zweifeln an Barrierefreiheit in neuer Sparkassenfiliale

Die Service-Schalter sind für Rollstuhlfahrer zu hoch. Sie werden an einem tiefen Tisch bedient. „Das ist ein Katzentischchen“, sagt Bärbel Drohmann. © Julian Reimann

Betroffene vorab in Planung einbeziehen

Betroffene zu Wort kommen lassen, wenn es um Neu- oder Umbauten von öffentlichen Gebäuden geht - das wird in der Stadt Werne eigentlich vorbildlich praktiziert. Eigentlich.

Der Behindertenbeirat der Stadt Werne kritisiert, dass man keine Betroffenen mit in die Planungen der Sanierung der Filiale eingebunden hat. Es sei zwar rechtlich nicht zwingend, aber seitens der Betroffenen wünschenswert. „Es ist einfacher, wenn man gewisse Dinge im Vorfeld bespricht“, sagt Angelika Roemer, Vorsitzende des Behindertenbeirats.

Besonderer Blick der Betroffenen

Dabei sei vor allem der besondere Blick der Betroffenen entscheidend. Wie schwierig es manchmal sein kann, schildert Roemer in einem Beispiel: „Jeder Rollstuhlfahrer freut sich über tief gelegte und flache Bordsteine. Für Sehbehinderte hingegen kann das wiederum schwierig werden.“

Um diese verschiedenen Aspekte zu berücksichtigen, werden die Verantwortlichen des Behindertenbeirats regelmäßig zurate gezogen, wenn es um Neubauten oder Sanierungen von bestehenden Gebäuden geht. Denn: „Erst wenn Menschen selbst betroffen sind, findet ein Umdenken statt“, sagt Roemer.

Barrieren abbauen, nicht aufbauen

Mit den Verantwortlichen der Stadt funktioniere dieser Austausch seit Jahren vorbildlich, so Roemer. „Da ist es ganz selbstverständlich, dass wir mit ins Boot genommen werden.“ Projekte wie etwa der Neubau der Marga-Spiegel-Schule, des Solebads oder der Umbau des Jugendzentrums Juwel seien mithilfe der Einschätzung der Betroffenen barrierefrei geplant worden.

Das Thema Barrierefreiheit habe bei den Verantwortlichen der Stadt Werne eine hohe Akzeptanz, meint Roemer. Das Credo „Ich baue keine Barrieren auf, sondern ich baue sie ab“ gilt. Umso deutlicher werden die Probleme in der Sparkassenfiliale bei betroffenen Bürgern spürbar.

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