Die Zeit im Krankenhaus vergeht für viele Patienten sehr schleppend. Um den Alltag der Patienten zu versüßen, hat Hubert Schmölzl vor 30 Jahren das Krankenhausradio auf die Beine gestellt.

Werne

, 31.03.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gerade in Zeiten von Corona wünschen sich die Patienten im Krankenhaus Ablenkung und Unterhaltung. Zweimal in der Woche sendet das Krankenhausradio in die Patientenzimmer - und das seit 30 Jahren immer um die gleiche Uhrzeit. „Vor 30 Jahren hat das Krankenhausradio in Lünen dicht gemacht und in Werne Asyl bekommen. Wir haben uns fix im Werner Krankenhaus eingenistet und sind bis heute dort geblieben“, erinnert sich Initiator Hubert Schmölzl (56) an den Beginn seiner Radiozeit.

Entspannte Sendung fernab von Corona

Während der Corona-Krise bekommt das Werner Krankenhausradio besondere Beachtung. „Im Moment freuen sich die Patienten, eine entspannte Sendung fernab von Corona hören zu können. Wir versuchen eine positive Grundstimmung einzufangen“, so Schmölzl. Vor Beginn der Sendung gibt es Durchsagen durch das Krankenhaus, die auf die Sendung hinweisen.

„Es wird durch das ganze Haus posauniert“, beschreibt Schmölzl die Maßnahme. Und dadurch bekomme das Radio mehr Aufmerksamkeit. Wie viele Patienten den Sendungen tatsächlich lauschen, ließe sich nicht nachverfolgen: „Wir senden in den luftleeren Raum. Dass überhaupt jemand zuhört, merken wir nur, wenn uns mal jemand im Studio anruft.“

Musikwünsche über die Studiohotline

Seit 30 Jahren sendet das Radio mittwochs von 19 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 11.30 Uhr. Auf Kanal 20 im Krankenhaus-Fernsehn wird das Ganze ebenfalls übertragen. Es gibt eine Studiohotline (02389 787-1604), über die sich Patienten Songs wünschen und Verwandte Grüße ausrichten können.

Einige Patienten sind laut Schmölzl treue Radio-Hörer: „Es gibt Wiederholungstäter, die öfter ins Krankenhaus müssen und dann fröhlich bei uns in der Tür stehen und sich etwas wünschen.“ Meistens wünschen sich die Leute die Musik, mit der sie groß geworden sind. Vor allem Songs aus den 70ern seien häufig dabei.

Riesiges Song-Repertoire

38.000 Songs sind im Fundus des Radios. Zusätzliche 3000 Schallplatten kamen vor einiger Zeit aus dem Nachlass eines Sammlers. Möglicherweise wären die auch auf dem Müll gelandet. „Die Entscheidung war also: Rethmann oder Radio, und da hab ich natürlich zugeschlagen. Das ist ein ganzes Füllhorn an Geschichte“, so Schmölzl. Archiviert wurde die umfangreiche Plattensammlung allerdings bislang noch nicht - das sei im Alltag liegen geblieben.

Zwischenzeitlich war das Moderatorenteam nur zu zweit und es gab Überlegungen, das Radio ganz an den Nagel zu hängen. Inzwischen hat sich das Team vergrößert und durch weitere Moderatoren und Helfer könnten weitere Sendetermine dazukommen. Auch Spartensendungen wie Klassik- oder Schlager wären dann eine Option.

Ein Teil der Krankenhausradio-Belegschaft, aufgenommen am Tag des offenen Studios am 16. März 2019. v.l.: Jürgen Langowski, Magnus See, Udo-Lindenberg-Double Karsten Bald, Hubert Schmölzl.

Ein Teil der Krankenhausradio-Belegschaft, aufgenommen am Tag des offenen Studios am 16. März 2019. v.l.: Jürgen Langowski, Magnus See, Udo-Lindenberg-Double Karsten Bald, Hubert Schmölzl. © Schmölzl

Die Lesewelt Werne e.V. sendet bereits ab und an Literaturlesungen. Das Radio ist außerdem der Zwar-Organisation angeschlossen. Mit an Bord gekommen ist in diesem Zuge beispielsweise Klaus Ludwig. Der ist pensionierter Rennfahrer und Stadionsprecher und „gibt auch in der Sendung richtig Gas“, so Schmölzl.

Nicht viele Hörer, aber viele Hemmschwellen bei Interessenten

Ab und an werde Schmölzl auf der Straße von Interessierten angesprochen, die sich aber nicht trauten, im Radio anzurufen. „Da gibt es eine Hemmschwelle. Die Leute haben Respekt vor dem Radio und denken, es würden sie ‚alle‘ hören“, erzählt der Radio-Initiator. „Die denken an große Sender wie den WDR. Aber unser Krankenhausradio können nur rund 200 Leute hören. Mehr Betten hat das Krankenhaus nicht“, so Schmölzl.

Eine Sendung sei schnell gemacht, sagt Schmölzl. „Vorbereiten muss man sich eigentlich fast gar nicht. Die Show ist abgestimmt auf die Hörerwünsche. Die sind unsere ‚heilige Kuh‘.“ Wenn viele Wünsche hereinkämen, werde auch einmal überzogen. „Wir haben den Kanal für uns und können machen, was wir wollen. Wenn wir nicht live senden, spielt der Computer eine Playlist ab und es gibt eine Diashow im Fernsehkanal“, so Schmölzl.

Moderatoren wachsen in ihre Aufgabe hinein

Wer mitmachen möchte, dürfe keine Angst vor dem Mikrofon haben und sollte Spaß am Bespaßen haben. Wer kamerascheu ist, brauche sich keine Sorgen zu machen, denn die Kamera filmt nur von hinten. „Man wächst da hinein“, sagt Schmölzl. „Zuerst liest man kleine Texte vor und erzählt etwas zu eigenen Lieblingsliedern und dann wird es immer umfangreicher.“

Nicht nur Moderatoren werden mit Kusshand angenommen - auch das Technik-Team braucht Unterstützung. Und wer Spaß daran hat, das Archiv auf Vordermann zu bringen, sei ebenfalls herzlich eingeladen. Schmölzls Einstieg in das Krankenhausradio geschah eher plötzlich. Als er vor 33 Jahren seine Frau im Krankenhaus in Lünen besuchte, hörte er vom dortigen Krankenhausradio.

Radio soll bald auch in Lünen zu hören sein

Das fand er spannend und übte daraufhin seine Ansagen auf Kassette. „Ich bin da einfach rein und wurde ganz freundlich empfangen. Und so wurde ich Moderator.“ Drei Jahre später kam dann der Umzug des Radios nach Werne. 2007 hat Schmölzl das erste und einzige Buch über Krankenhausradios in Deutschland veröffentlicht.

Ein zweiter Band ist in Arbeit und wird voraussichtlich Anfang Mai auf den Markt kommen. Das werbefreie Krankenhausradio soll laut Schmölzl bald in beiden Krankenhäusern, also in Lünen und in Werne, mit dem selben Programm gesendet werden. So komme das Radio nach 30 Jahren zurück zu seinen Lünener Wurzeln. „Wir wurschteln da gerade mit der Haustechnik und es sieht gut aus, dass es was wird“, so Schmölzl.

Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Video mit Saxofonist Michael Gick
Kirche statt Stadion: „You‘ll never walk alone“ ertönt in St. Christophorus in Werne