Marion Gloger ist stellvertretende Leiterin der Werner Stadtbücherei. © Felix Püschner
Tag der Bibliotheken

Stadtbücherei in Werne: Das älteste Buch darf fast niemand ausleihen

Seit 1982 befindet sich die Stadtbücherei im Alten Steinhaus. Das klassische Image einer Bibliothek hat sie abgelegt. Aber wie genau hat sie sich verändert - und was hat es mit dem ältesten Buch auf sich?

Es ist ziemlich leer in der Werner Stadtbücherei im Alten Steinhaus. Na gut, mal abgesehen von den Büchern, Videospielen und allem, was man hier sonst noch so ausleihen kann. Insgesamt umfasst der Bestand rund 45.000 Medien. Marion Gloger schaut kurz in ihrem Computer nach: „Wir haben genau 4143 aktive Leser“, sagt die stellvertretende Bibliotheksleiterin. So viele Nutzer sind in der Datenbank der Stadtbücherei registriert. Nicht schlecht für eine kleine Stadt wie Werne.

Das mag auch daran liegen, dass die Stadtbücherei im Bewusstsein der Bürger besonders fest verankert ist. Auch Gloger ist schon lange mit der Bibliothek verbunden. Die 57-Jährige hat von 1985 bis 1987 ihre Ausbildung zur Bibliotheksassistentin hier absolviert. Nach ihrem Studium in Hamburg kehrte sie 1991 an ihre alte Wirkungsstätte zurück und kümmert sich heute hauptsächlich um den Bereich Kinder- und Jugendbücher.

Wohnzimmer und Videospiele statt stiller Lesestube

Einige Kunden kennt sie von klein auf. Sie kamen schon als Kinder in die Bibliothek, holten sich später per Fernleihe Literatur für ihr Studium ab und kommen nun regelmäßig zum Stöbern im Alten Steinhaus vorbei. Seit dem vergangenen Jahr können sie dies in einem der neu gestalteten Bereiche tun: Im alten Gebäudetrakt ist ein Wohnzimmer mit Sesseln und einer Kaminattrappe entstanden. Das sorgt für ein besonderes Ambiente.

Ort der Begegnung: Im 2020 eingeweihten
Ort der Begegnung: Im 2020 eingeweihten „Wohnzimmer“ sorgen Lesesessel und eine Kaminattrappe für eine besondere Atmosphäre. © Felix Püschner © Felix Püschner

Schon 2016 richtete man im neuen Gebäudeteil einen modernen Jugendbereich mit verschiedenen Videospiel-Konsolen ein. Der wird inzwischen wieder recht gut genutzt – auch wenn es nach wie vor noch Einschränkungen durch die Pandemie gibt. Tatsächlich ist die Zahl der Ausleihen in den vergangenen Jahren gesunken. Gestiegen ist hingegen im gleichen Zeitraum die Zahl der Besucher vor Ort. Wer es sich lieber in der Bibliothek bequem machen möchte, statt ein Buch mit nach Hause zu nehmen, benötigt keinen Ausweis.

Mehr Menschen in die Bücherei zu locken, war das Ziel der Umgestaltung. „Wir wollen keine reine Bücherausleihstation oder ein Archiv sein, sondern ein Ort der Begegnung. Hier darf man auch mal lachen und sich unterhalten“, sagt Gloger. Das klassische Image der Bibliothek als Ort, an dem man zum Schweigen verpflichtet ist, weil man sonst Ärger mit der Brille und Dutt tragenden Leiterin bekommt, ist längst Geschichte.

Im Jahr 2016 wurde ein moderner Jugendbereich mit Videospiel-Konsolen eingerichtet.
Im Jahr 2016 wurde ein moderner Jugendbereich mit Videospiel-Konsolen eingerichtet. © Felix Püschner © Felix Püschner

Man müsse mit der Zeit gehen, sich an neuen Trends und den Bedürfnissen der Kunden orientieren, sagt Gloger. An ihrem Beruf schätzt sie vor allem die Vielseitigkeit: Die Zeiten, in denen man als Bibliothekarin bloß Bücher bestellt und sie katalogisiert hat, sind längst vorbei. Hinzugekommen ist beispielsweise das Veranstaltungsmanagement. Verschiedene Lesungen, das LiteraTurnier, Projektworkshops in Schulen – das alles gehört inzwischen ebenfalls zum Aufgabenbereich.

Immer auf dem neusten Stand bleiben bedeutet aber auch, öfter mal das ein oder andere Buch auszusortieren. Etwa, weil es nicht mehr aktuell oder in keinem guten Zustand mehr ist. Für das älteste Buch, das derzeit im Bestand der Werner Bibliothek aufgeführt ist, gilt das aber nicht. Es handelt sich um eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1939. Ausleihen darf dieses Buch allerdings kaum jemand, wie Gloger erklärt: „Das verleihen wir nur an Lehrende. Alle anderen Kunden können jedoch die kommentierte Fassung ausleihen und mit nach Hause nehmen.“

Zumindest gilt das für diejenigen, die einen Bibliotheksausweis haben – und die vielleicht schon vor vielen Jahren als Kind ihre ersten Leseversuche in der Stadtbücherei unternommen haben.

Die Werner Stadtbücherei befindet sich seit 1982 im Alten Steinhaus.
Die Werner Stadtbücherei befindet sich seit 1982 im Alten Steinhaus. © Felix Püschner © Felix Püschner

Besuchsregeln und der Tag der Bibliotheken

  • Den Tag der Bibliotheken gibt es in Deutschland bereits seit 1995. Seither machen Bibliotheken am 24. Oktober mit besonderen Aktionen und Veranstaltungen auf ihre Rolle als Wissensspeicher und kulturelle Einrichtung aufmerksam. In der Werner Stadtbücherei ist in diesem Jahr allerdings keine besondere Aktion geplant. Der Grund: Sim-Jü. „Ich glaube, die Leute werden sich am Sonntag eher auf der Kirmes, statt in der Bücherei aufhalten“, sagt Marion Gloger mit einem Augenzwinkern.
  • Derzeit kann die Stadtbücherei zu den gewohnten Öffnungszeiten nicht ganz ohne Einschränkung besucht werden. Hygienemaßnahmen wie das Desinfizieren der Hände, Mindestabstand und das Tragen einer medizinischen Maske (außer an den Sitzplätzen) sind weiterhin Pflicht.
Über den Autor
Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner