Ruhig, ruhiger, Stockum. Hier leben 4639 Bürger etwas abgeschieden und beschaulich - für manche zu ruhig. Am Wochenende wird die Idylle gestört. Der erste Teil des Ortsteil-Checks Stockum.

Stockum, Werne

, 26.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist genau diese Atmosphäre, die einige als „Kleinstadt-Feeling“ bezeichnen, die auch Familie Psoch liebt. Sie lebt seit 2011 in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Stockum. „Meine beste Freundin wohnt nebenan. Das war eigentlich der Grund, warum wir hierhin gezogen sind“, erzählt Karina Psoch.

Schnell hat sich die 38-Jährige gemeinsam mit ihrem Partner Marco und Sohn Fabian im kleinen Ortsteil eingelebt. Vor allem dass sie hier in einem „ruhigen Pflaster“ wohnt, schätzt die Familie.

Neben der schönen Wohngegend punktet auch die Nähe zu den Lippewiesen bei den Psochs. Entlang der Lippe bis nach Werne zu radeln oder auf der ehemaligen Bahntrasse bis nach Bergkamen – für Karina und Marco Psoch ist das auch ein Stück Lebensqualität.

Jetzt lesen

In Stockum gibt es alles, was man benötigt. „Mir persönlich fehlt eigentlich nichts“, sagt Karina Psoch und überlegt nochmal: „Naja, ein Drogeriemarkt wäre noch gut. Aber mit dem Lidl sind wir gut versorgt. Nur wenn mal Schokostreusel für einen Kuchen fehlen, dann gibt es die da leider nicht“, sagt die 38-Jährige und schmunzelt.

Und wenn mal „Not am Mann ist“, dann gibt es ja auch noch den Kiosk von Dietmar Taube, der auch an Feiertagen geöffnet hat. Das könne auch nicht jeder Ort von sich behaupten, meint die gebürtige Wernerin.

Das wurde positiv in Stockum bewertet:

Radfahren:

Stockum erhielt hier acht von zehn Punkten und damit genauso viele Zähler wie stadtweite Durchschnitt. Als fahrradfreundliche Stadt würde Winfried Hoch Werne jedoch (noch) nicht bezeichnen. Der Sprecher der ADFC-Ortsgruppe Werne sieht noch Nachholbedarf, wenn es um die Sicherheit einiger Radwege oder die Anbindung an regionale Radnetze wie etwa die Römer-Lippe-Route geht.

In Stockum beschreibt er die Situation für Radfahrer als sehr gut. Er lobt hier den durchgängigen Radweg. Einzig am Kreisverkehr an der Werner Straße / In der Eika sei die Situation etwas unübersichtlich. „Da fährt man als Radfahrer raus und da kommt ein Zebrastreifen. Da weiß man nicht, ob man da jetzt fahren darf. Da ist man irritiert“, sagt Winfried Hoch.

Als sehr schöne Verbindung sieht er hingegen den Radweg entlang der Lippewiesen an. „Da kommt man entlang der Lippe sehr schön nach Werne. Es ist ruhig. Da fahre ich gerne her“, erzählt Winfried Hoch.

Stockum: Tolle Wege für Radfahrer, aber zu wenig los für Jugendliche

Karina, Marco und Fabian Psoch (v.l.) leben gern in Stockum. Sie mögen es, dass der Ortsteil ein so „ruhiges Pflaster“ ist. © Andrea Wellerdiek

Lebensqualität:

Stockum holt hier acht Punkte - so viele wie im gesamten Stadtgebiet. Viele Bürger sind im Allgemeinen mit ihrem Wohnumfeld zufrieden. „Ich könnte mir keinen besseren Wohnort vorstellen“ oder „Ich liebe das Kleinstadt-Feeling“ oder „Stockum ist einfach schön“ sind Bemerkungen in der Ortsteil-Check-Umfrage.

Auch wenn einige Teilnehmer des Ortsteil-Checks ihr Stockum für die Lebensqualität schätzen, gibt es kritische Töne. Da wird Stockum etwa als Stiefkind von Werne bezeichnet. Der Ortsteil würde systematisch schlechter gestellt als Werne. Mittelpunkt sei die Innenstadt. Man müsse als Stockumer Bürger oft zurückstecken. Eine junge Teilnehmerin schreibt: „Stockum wird viel genommen – und nach Werne gebracht. Wie zum Beispiel das Freibad.“

Wohnen:

Hier bekommt Stockum sieben Punkte und damit zwei Zähler mehr als im gesamten Stadtgebiet. „Es ist immer noch günstiger in Stockum zu wohnen als in Werne“, sagt Marco Psoch. Für die 74 Quadratmeter große Mietwohnung zahlt die Familie 570 Euro warm.

„Es ist eine schöne Ecke zum Wohnen. Es ist allerdings auch eine reine Wohngegend“, so der 45-Jährige, der gern in Stockum wohnt. Er sagt aber auch: „Es geht eigentlich immer nur um Werne. Erst wenn Werne keinen Bedarf mehr hat, dann kommt es nach Stockum.“ Er denkt dabei etwa an den Lebensmittelhändler Lidl, den es seit 2012 an der Werner Straße gibt.

Das wurde negativ bewertet:

Jugendliche:

„Jugendliche haben es schwer in Stockum. Da fehlen Angebote“, sagt Karina Psoch. Auch ihr 19-jähriger Sohn Fabian fährt in Nachbarorte, um Freunde zu treffen. Diese Einschätzung teilen viele Stockumer. Der Punkt Jugendliche hat unter allen Kriterien mit vier Zählern mit Abstand am schlechtesten abgeschnitten.

Das Angebot für Jugendliche haben die Verantwortlichen der Stadt derzeit stark im Blick, wie Alexander Ruhe, Dezernent für Jugend, Familie und Bildung, sagt. Grundsätzlich sieht sich die Stadt bei dem Angebot für Junge gut aufgestellt.

Das Thema Treffpunkte sei in der Vergangenheit immer mal wieder aufgekommen, sagte Liane Jäger aus dem Jugendamt der Stadt. Etwas Festes einzurichten, sei allerdings schwierig, da die Orte, die bei Jugendlichen beliebt sind, häufig wechseln. Einrichtungen wie die Jugendzentren Juwel und Paradise seien gut frequentiert.

Auch die Katholische Landjugend Werne-Stockum (KLJB) bietet Veranstaltungen wie etwa das Trecker-Kino, das Osterfeuer oder Partys an. Darüber hinaus treffen sich die aktuell 46 Mitglieder an jedem ersten Freitag im Monat für gemeinsame Spiele- oder DVD-Abende oder zum Billardspielen.

„Es ist nicht nur für Mitglieder gedacht. Freunde dürfen gerne mitkommen“, sagt Christina Hoppe von der KLJB. Das Angebot richtet sich an Jugendliche ab 16 Jahren.

Stockum: Tolle Wege für Radfahrer, aber zu wenig los für Jugendliche

Ein Angebot der Landjugend Stockum: Auch in diesem Jahr findet wieder das Treckerkino statt. © Anna Hoppe (A)

Verkehrsbelastung:

Hier bekommt Stockum sechs und damit einen Zähler weniger als im Stadtgebiet. Neben der A1, die für Lärmbelästigung einiger Anlieger sorgt, stört Familie Psoch die Verkehrssituation am Dimel-Festsaal. Nachdem das ehemalige Bürgerhaus im Herbst 2016 den Besitzer gewechselt hat, finden seit einem Jahr dort Firmenfeiern und Hochzeiten statt.

Ein Festsaal, in dem nach Angaben der Inhaber bis zu 700 Personen Platz finden können. Ausreichend Parkplätze gibt es aber nicht an der Graf-von-Westerholtstraße 1. Deshalb parken viele Gäste in den umliegenden (Anlieger-)Straßen.

„Die Verkehrssituation ist am Wochenende schrecklich. Alles ist zugeparkt. Manchmal laufen Kinder zwischen den Autos durch, die man schlecht sehen kann“, erzählt Karina Psoch, die nur ein paar Meter entfernt wohnt. Ihr sei fast auch einmal ein Kind vor das Auto gelaufen, erzählt die 38-Jährige.

Und vor der Haustür, auf dem eigenen Parkplatz, stand auch schon einmal ein Pkw eines Besuchers des Festsaals. Die Location sei eigentlich jeden Freitag und Samstag vermietet. Eine Lärmbelästigung macht die Familie nicht aus, aber über das Park-Chaos hat sie sich nicht selten geärgert.

Stockum: Tolle Wege für Radfahrer, aber zu wenig los für Jugendliche

© Grafik Verena Hasken

Kaum Ausgehmöglichkeiten und Angebote für Jugendliche

Wegziehen möchte Familie Psoch aus Stockum heute nicht mehr. Auch wenn es – abgesehen von einigen Restaurants – keine Ausgehmöglichkeiten gibt. „Wir fahren dann gerne nach Dortmund oder Bochum“, erzählt Karina Psoch und schaut zu ihrem Partner. „Werne selbst hat ja auch nicht viel zu bieten“, sagt Marco Psoch.

Was in Stockum fehlt, da sind sich die Drei einig, sind Angebote für ältere Jugendliche. Klar, es gebe das Jugendzentrum Paradise, das nur einen Katzensprung entfernt ist. „Aber da ist er zu alt für“, sagt Karina Psoch und weiter: „Für meine Nichte, die elf Jahre ist, ist das schon eher was.“

„Hier ist echt gar nichts los“

Fabian, der noch nie im Paradise war, schüttelt den Kopf. „Hier ist echt gar nichts los. Ab 20, 21 Uhr werden die Bordsteine hochgeklappt“, sagt der 19-Jährige. Er trifft sich abends mit Freunden in Hamm oder Werne, arbeitet als Aushilfe in einem Imbiss in der Werner Innenstadt.

Wenn es mal später wird – aber eigentlich schon ab 20 Uhr – muss er sich abholen lassen. Die Busse, die ansonsten im 30-Minuten-Takt Stockum bedienen, fahren dann nicht mehr. Es ist eben doch beschaulich in Stockum.

Stockum wurde im Juni 858 erstmals erwähnt. Zunächst gehörte Stockum dem Benediktinerinnenkloster Herford. Schon vor 1350 war das Dorf mit einer eigenen Landwehr umgeben. Schon damals lag Stockum an einem wichtigen Straßennetz. Vor allem der Bau des Gersteinwerks ab 1913 sorgte für eine große wirtschaftliche Bedeutung des Ortsteils. 100 Jahre lang gehörte Stockum zum Amt Werne. Ab 1923 gehörte die Bauerschaft zum Verwaltungsbezirk des Amtes Herbern. Stockum wurde im Jahr 1975 im Rahmen der kommunalen Neugliederung nach Werne eingegliedert. Die bis dahin selbstständige Gemeinde schloss sich freiwillig der Stadt Werne an.
Stockum: Tolle Wege für Radfahrer, aber zu wenig los für Jugendliche

Der Bau des Gersteinwerks hatte eine große wirtschaftliche Bedeutung für Stockum. © Gersteinwerk (A)

Lesen Sie jetzt