„Ab wann trinken Jugendliche erstmals Alkohol?“ - Stück „Alkohölle“ zeigt Betroffenheit

rnTheaterstück über Alkoholsucht

Mit Betroffenheit reagieren die Werner Achtklässler auf das Theaterstück „Alkohölle“. Sie stellen viele Fragen zur Alkoholsucht. Das hat auch mit ihren eigenen Erfahrungen zu tun.

Werne

, 26.05.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Musikalische Einlagen, Tanzen auf den Tischen und Flüssigkeit, die aus Bierflaschen Richtung Publikum fliegt - das Theaterstück „Alkohölle“ sorgt am Freitag, 24. Mai, für lachende Gesichter. Doch plötzlich wird es nach dem Gelächter mucksmäuschenstill im Publikum des Kolpingsaals.

Als die Hauptfigur Lena (Susan Lachermund) erfährt, wieso ihr Vater ums Leben gekommen ist, halten die Jugendlichen im Saal inne. Er war alkoholsüchtig, steuerte seinen Wagen mit 3,5 Promille im Blut vor einen Baum.

Jugendliche suchen Vier-Augen-Gespräch

Die Achtklässler zeigen Betroffenheit, schauen sich gegenseitig an, halten sich eine Hand vor den Mund. Vielleicht haben sie schon einmal selbst Erfahrung mit Alkoholsucht bei Angehörigen gemacht. „Statistisch gesehen hat jeder sechste Jugendliche schon einmal in der eigenen Familie Betroffenheit erfahren“, erzählt Matthias Hundt, Diplom-Sozialarbeiter bei der Suchthilfe im Kreis Unna.

Dass das Thema Alkohol- und Drogensucht bei den Achtklässlern eine Rolle spielt, zeigt sich bei den Gesprächen, die Hundt unter vier Augen mit einigen Jugendlichen führt. „In diesen Momenten sprechen manche Jugendliche auch darüber, dass sie Alkoholsucht schon in ihrer Familie erlebt haben“, erzählt Hundt.

„Ab wann trinken Jugendliche erstmals Alkohol?“ - Stück „Alkohölle“ zeigt Betroffenheit

Wolfgang Pätsch berichtete von seinen Erfahrungen mit der Alkoholsucht im Anschluss an das Theaterstück "Alkohölle". © Andrea Wellerdiek

Fragen an trockenen Alkoholiker

Aber auch in der großen Runde, in der Diskussionsrunde nach dem Theaterstück, haben die Jugendlichen viele Fragen. Immer wieder richten sich diese an Wolfgang Pätsch. Er ist seit 25 Jahren trockener Alkoholiker und spielt in dem Theaterstück mit.

„Wie haben Sie gemerkt, dass Sie süchtig sind?“, möchte ein Mädchen wissen. „Ich habe mich dazu bekannt, als ich gemerkt habe, dass ich mein Leben ohne Alkohol nicht mehr auf die Reihe bekomme. Wie man einen Kaffee morgens braucht, brauchte ich damals eine Flasche Bier, um überhaupt in die Hufe zu kommen“, erzählt er.

„Ein schmaler Grad“

Es sei immer ein schmaler Grad zwischen „eine Menge trinken“ und der Alkoholsucht. Jeder Einzelne müsse für sich entscheiden, wann die Situation kippt, meint Pätsch. Er selbst hat irgendwann den Schalter umgelegt, hat sich Hilfe geholt, hat eine erfolgreiche Therapie gemacht.

„Früher hat mich der Alkohol lockerer gemacht. Ich hatte auf Partys Angst, ein Mädchen anzusprechen. Ich war sehr schüchtern. Heute gehe ich immer noch gerne auf eine Feier. Dann habe ich viel Spaß - und zwar ganz ohne Alkohol“, erzählt der 65-Jährige. Und er steht auf der Bühne und berichtet in der anschließenden Diskussionsrunde eindrucksvoll über seine Erfahrungen.

„Ab wann trinken Jugendliche erstmals Alkohol?“ - Stück „Alkohölle“ zeigt Betroffenheit

Michel Mardaga und Susan Lachermund zeigten das Theaterstück „Alkohölle“ zum ersten Mal in Werne. © Theater-Spiel Witten

Viel Geld für Alkohol verprasst

„Wie viel Geld haben Sie in Ihrem Leben für alkoholische Getränke ausgegeben?“, fragt ein Junge aus einer hinteren Reihe. „Ich habe nie gezählt, wie viel ich getrunken habe. Aber ich habe viel nebenberuflich gearbeitet, um den Alkohol zu bezahlen. Es ist bestimmt in die Hunderttausende gegangen, die ich versoffen habe.“ Unfassbar.

Für Kopfschütteln sorgt auch die Reaktion auf die Frage, ab wann Jugendliche mit dem Alkoholtrinken anfangen. „Wer schon einmal Alkohol getrunken hat, steht auf!“, fordert Matthias Hundt. Auf der Bühne stehen alle auf, im Publikum steht die Hälfte aller Jugendlichen. Sie sind Schüler vom St.-Christophorus-Gymnasium und Anne-Frank-Gymnasium und sind 13 oder 14 Jahre alt.

„Es geht darum, die Schüler auf der emotionalen Ebene zu erreichen. Es bringt nicht viel, wenn ich ihnen nur einen Flyer in die Hand drücke. Vielmehr geht es bei dem Theaterstück darum, die Informationen mit Emotionen zu verknüpfen“, erklärt Diplom-Sozialarbeiter Matthias Hundt. Das hat funktioniert, wie die Reaktionen der Schüler gezeigt haben.

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Alle 350 Achtklässler aus den drei weiterführenden Schulen haben sich das Theaterstück angeschaut. Die Schirmherrschaft für das Projekt übernahm Wernes Bürgermeister Lothar Christ. Dank einer großzügigen Spende des Rotary Clubs Lünen und Werne ist das Angebot für alle Teilnehmer in Werne kostenlos. Neben Matthias Hundt als Berater und Wolfgang Pätsch als ehemaliger Betroffener standen auch Dagmar Reuter aus dem Jugendamt der Stadt und Volker Timmerhoff von der Polizei des Kreises Unna Rede und Antwort. „Theater-Spiel“ aus Witten bringt das Stück von Beate Albrecht auf die Bühne.
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