"Tante Erna" erinnert sich an ihre Eisdiele

Evenkamp-Serie

Viele Jahre lang war der Evenkamp verrufen. Die alte Bergarbeitersiedlung entwickelte daher eine eigenständige Infrastruktur - sodass die Bewohner alles vor Ort hatten. Darunter auch die legendäre Eisdiele von Erna Klug (88), direkt neben der Barbaraschule. Im Gespräch mit uns erinnert sich Erna Klug an ihre Eisdielenzeit.

EVENKAMP

, 10.08.2016, 11:04 Uhr / Lesedauer: 3 min
"Tante Erna" erinnert sich an ihre Eisdiele

Erna Klug lebt seit 2013 im Seniorenzentrum an der Ottostraße.

Der erste Kuss unter der funkelnden Disco-Kugel von „Tante Erna“: Daran werden sich so manche ehemalige Barbaraschüler gerne erinnern. Schulstunden ließen sich aushalten in der Hoffnung auf ein Eis oder im Jugendalter ein Bierchen. Die Eis-Diele lag direkt neben der Barbaraschule, der damaligen Hauptschule an der Barbarastraße, heute Beckingsbusch.

Hört man die Evenkämper über alte Zeiten plaudern, ist immer auch die Rede von „Tante Erna“ aus den 1960er- bis 1980er-Jahren. Ihr inzwischen verstorbener Mann Karl „Kalla“ Klug gab den Anstoß für das Familienunternehmen. „Mit seinem Bruder Bruno zusammen machte er sich Anfang der 1960er-Jahre selbstständig“, erzählt Erna Klug 50 Jahre danach. Heute lebt die 88-Jährige im Seniorenzentrum Antonius an der Ottostraße.

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Evenkamp-Serie: Erinnerungen an die Eisdiele Tante Erna

Viele Jahre lang war der Evenkamp verrufen. Die alte Bergarbeitersiedlung entwickelte daher eine eigenständige Infrastruktur - sodass sie alles vor Ort hatten. Darunter auch die legendäre Eisdiele von Erna Klug (88), direkt neben der Barbaraschule. Viele Bilder erinnern Erna Klug an ihre Eisdielenzeit.
10.08.2016
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1969: Tante Erna stand in großen Buchstaben über der Tür der Eis-Diele und späteren Kneipe an der früheren Barbarastraße. v. l. ihre Tochter Helga, darüber Cornelia Müller und Monika Pelster, in der Mitte Heidi Schmidt, geborene Waßmann, und Magdalene Seyfarth mit ihrem Neffen, dem ältesten Sohn von Irmtraud Havighorst.© Repro: Helga Felgenträger
Tante Ernas 80. Geburtstag: Günther Göbel, Erna Klug, Angelika Göbel, Sohn Thomas Göbel mit Carmen und den Kindern feiern mit.© Foto: Archiv Günther Göbel
Erna und Tochter Helga Klug mit Heinrich Giesen.© Foto: Archiv Erna Klug
Die Nachbarn in geselliger Runde: Tante Erna (r.) mit Günther Göbel (v.l.), Marlies Müller, Thomas Göbel und Nadine Müller.© Foto: Archiv Günther Göbel
Erna Klug lebt seit 2013 im Seniorenzentrum an der Ottostraße.© Foto: Helga Felgenträger
Heinrich und Elfriede Waßmann wohnten neben Tante Erna und Kalla Klug. Hier beim Spaziergang mit Sohn Heinz-Peter in der früheren Barbarastraße, die noch bis zur Hüsingstraße durchlief. Im Hintergrund die Barbaraschule.© Foto: Archiv Monika Schmucker
1969: Tante Erna stand in großen Buchstaben über der Tür der Eis-Diele und späteren Kneipe an der früheren Barbarastraße. v. l. ihre Tochter Helga, darüber Cornelia Müller und Monika Pelster, in der Mitte Heidi Schmidt, geborene Waßmann, und Magdalene Seyfarth mit ihrem Neffen, dem ältesten Sohn von Irmtraud Havighorst.© Foto: Archiv Monika Schmucker
Karl und Erna Klug an ihrem Hochzeitstag.© Foto: Archiv Erna Klug
Man nannte sie nur die Berge: Die Kohlehalde im heutigen Beckingsbusch gegenüber der Barbaraschule.© Foto: privat
Monika Schmucker und Thomas Raschke haben 2012 das Haus von Erna Klug erworben. Die alten Schilder vom Eiswagen im Sommer und Fritten-Bude im Winter haben sie verwahrt.© Foto: Helga Felgenträger
Der Charme der Sechziger: Mit Mosaiksteinen verzierte Blumenvasen gehörten zum Inventar der Eis-Bar Klug.© Foto: Helga Felgenträger
Wo einst die Garagen für die Eiswagen standen, haben die neuen Eigentümer einen hübschen Freisitz gebaut. 4000 Mauersteine hat Thomas Raschke nach dem Abriss an anderer Stelle wiederverwertet.© Foto: Helga Felgenträger
Lothar Riedel war früher oft bei Kalla und Erna Klug.© Foto Helga Felgenträger
Die Kindergartengruppe von Lothar Riedel.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Der Billardclub der Gaststätte Fröhlich mit dem Gastwirt Alfred Fröhlich (l.), Frerich (3.v.l.), Udo Zinke, Alois Preik, Willi Riedel und Franz Weja. Die Männer stehen vor dem alten Kindergarten an der Hüsingstraße.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Gut gelaunt: Erna Klug und ihr Schützenkönig Willi Riedel.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Geselligkeit schrieben die Evenkämper groß. In der Mitte ist Herbert Müller (10.v.l.) aus der Barbarastraße zu erkennen.© Foto: Archiv Lothar Riedel
1970: Der Ausflug zur Dechenhöhle war Pflichtprogramm in der Barbaraschule, erinnert sich der einstige Schüler Lothar Riedel.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Erna Klug als Clown mit Tochter Helga beim Karneval. Links im Bild Sabine und Lothar Riedel.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Königin Erna Klug mit ihrem Schützenkönig Willi Riedel im Hof der Gaststätte Klug.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Königin Erna Klug mit ihrem Schützenkönig Willi Riedel im Hof der Gaststätte Klug.© Foto: Archiv Lothar Riedel
1979: Lothar Riedel war Stammgast bei Erna Klug. Viele Male begleitete er ihren Mann nach Münster zum Einkauf.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Erna Klug als Funkemariechen.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Karl "Kalla" Klug mittendrin. Rechts im Bild Lothar Riedel.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Erna Klug als Clown.© Foto: Archiv Lothar Riedel
1990: Nach 15 Jahren traf sich der Entlassjahrgang 1973/74 wieder. Ihr Klassenlehrer war Kohlmeyer.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Gaststätte Thier Eck: Der Frohsinn-Spielmannszug spielt für das Schützenkönigspaar Willi Riedel und Erna Klug auf. Die Gaststätte befand sich einst an der Lippestraße, neben dem heutigen Malergeschäft.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Im Haus Evenkamp von Erna Klug (im Clownskostüm) wurde ausgelassen gefeiert.© Foto: Archiv Lothar Riedel
1990: Nach 15 Jahren traf sich der Entlassjahrgang 1973/74 wieder. Ihre Klassenlehrerin war Marita Twehues.© Foto Archiv Lothar Riedel
1964: Lothar Riedel erinnert sich noch an seine Kindergartengruppe an der Hüsingstraße: v.l. 1. Reihe Ferdi Westrup, Gabriele Soverock, Anette Preik, Ingrid Peschke, Josef Hölscher, Heinz-Hermann Hünsing. 2. Reihe: Erich Teschner, Walter Hütt, Sylvia Jendreieck, Uwe Fröhlich, Manfred Müller, Peter Quante, Lothar Riedel, Ralf Preik, Roswitha Fröhlich. 3. Reihe: Veronika Schulz, Lothar Lingemann, Heike Döhmann, Roland Beck, Werner Dörfler, Manfred Bode, Bernie Vertgewall.© Foto: Archiv Lothar Riedel
Schlagworte Werne

"Jedes Mädchen lernte auf dem Pütt einen kennen"

Kennengelernt hatte sie ihren Mann während der Gefangenschaft in Sibirien. „Wir trafen uns auf dem Pütt“, erzählt sie. „Jedes Mädchen lernte auf dem Pütt einen kennen.“ Die gebürtige Ostpreußin aus Schönefeld war als Zivilinternierte unter Tage. Als ihr Mann aus der Gefangenschaft entlassen wurde, fuhr er mit dem Heimkehrerzug nach Deutschland. Vom Aufnahmelager Friedland ging es in seine Heimatstadt Werne.

„Seine Heimatadresse hatte er mir zurückgelassen“, sagt sie. „Stockumer Straße 282. Das war sein Elternhaus.“ Drei Monate später, Weihnachten 1949, folgte sie ihm nach Werne. „17 Stunden saß ich im Güterzug.“ Sie erinnert sich an einen qualvollen Transport auf engstem Raum.

Ein Jahr später, 1950, läuteten die Hochzeitsglocken und wieder ein Jahr später kam ihre Tochter Helga auf die Welt. Auf sie ließ Erna Klug nichts kommen, sie litt an dem Down-Syndrom und brauchte besondere Zuneigung. „Dank meiner guten Pflege ist sie so alt geworden“, hatte der Arzt ihr bestätigt. Helga starb erst mit 43 Jahren.

Eis im Sommer, Bratwurst im Winter

Das Eis stellte die Familie nicht nur für den Eigenbedarf ihrer Eis-Diele her. Viele Händler wurden beliefert, mehrere Eismaschinen waren in der Garage hinterm Haus in Betrieb. Allein sechs Eiswagen fuhren durch Werne und Umgebung. Im Sommer verkauften die Fahrer Eis, im Winter Pommes Frites und Bratwurst.

„Es war richtig harte Arbeit“, sagt sie. „20 Jahre habe ich hinter der Theke gestanden und verkauft.“ Irgendwann brach der Umsatz ein. „Es wollte keiner mehr Eis essen. Die Leute tranken lieber Bier“, stellt sie im Rückblick fest und verpachtete ihr Lokal, die spätere Gaststätte „Haus Evenkamp“, an Rosi und Peter Grünzig.

Zur Person:

  • Geboren wurde Erna Klug am 31. Mai 1928 in Schönefeld (Kreis Heiligenbiel).
  • Nach Werne kam die Ostpreußin über ihren Mann Karl Klug. Sie lernten sich in Sibirien im Pütt kennen.
  • Ihr Ehemann Karl stammte aus Werne und war in Sibirien in Gefangenschaft.
  • Die Eis-Diele eröffneten Erna und Karl Klug in den 1960er-Jahren neben der Barbaraschule.
  • Seit Mai 2013 lebt sie im Seniorenzentrum Antonius.

So erinnert sich Evenkämper Lothar Riedel an Tante Erna:

Lothar Riedel ist im Evenkamp aufgewachsen. Er ging an der Hüsingstraße in den Kindergarten und später in die Barbaraschule. Während seiner Schulzeit war er oft bei „Tante Erna“. „Sie war immer gut drauf“, erzählt er. „Schule schwänzen und nebenan in die Eis-Diele gehen – das ging aber nicht. Das Rektorenzimmer lag direkt gegenüber der Eis-Diele. Das wäre aufgefallen.“

Mit einem Schmunzeln denkt er an ihren Mann Karl „Kalla“. Er hatte die Schlafkrankheit. Daher brauchte er immer jemand, der mit ihm zum Großhandel Ratio nach Münster fuhr. „Ich kam mit und musste ihm einen in den Nacken hauen. Dann blieb Karl am Lenkrad wach.“ Zur Belohnung gab´s ein Essen gratis. „Aber das beste Erlebnis mit Kalla war“, erzählt er, „als ihm beim Essen der Kopf in den Teller fiel und der Teller entzwei ging. Da schimpfte sogar Tante Erna. Sonst war die Familie herzensgut. Wenn drei Kinder am Eiswagen standen und der vierte kein Geld hatte, bekam der trotzdem sein Eis.“

Als Jugendliche spielten sie bei Klugs Karten. Da wurde nicht gefragt, wie alt man war: Aber sobald Mädchen dabei waren, hieß es nur: „Jungs, Hände auf den Tisch.“

"Tante Ernas" Eisdiele hat inzwischen neue Eigentümer:

Als Kind hat Monika Schmucker (44), geborene Waßmann, gerne zu Tante Erna in den Garten rübergeschaut. „Sie hatte immer ein Eis für mich“, erzählt sie. Im Hof standen die Eiswagen und die große Garage, in der das Eis hergestellt wurde.

Als sich dann viele Jahre später (2012) die Gelegenheit ergab, das Haus zu erwerben, griff sie zu. „Es war mehr aus ideellen Gründen“, sagt sie. Den schönen Erinnerungen zuliebe. Das Haus aus den 1960er-Jahren musste von Grund auf saniert werden.

Anwesen komplett umgekrempelt

Ihr Mann Thomas Raschke, gelernter Maurer, hat das Anwesen komplett umgekrempelt. Zuerst wurde die Hütte hinten im Garten, die zu Klugs Zeiten noch vermietet war, renoviert. Dann die obere Wohnung – in der das Paar heute wohnt. Aus dem Abriss der Garagen für die Eiswagen recycelte er 4000 Steine. Sie wurden anschließend an anderer Stelle verbaut. „Als Nächstes kommt das Erdgeschoss dran“, sagt Raschke.

In der alten Kneipe, zuletzt „Haus Evenkamp“, hat die Familie momentan noch einen Partyraum. An der Decke des Gesellschaftszimmers ist noch der Stromanschluss zu sehen, an dem einst die legendären Disco-Kugeln befestigt waren. „Hier wurden ausgelassene Feten gefeiert“, erinnert sich ihr Onkel Günther Göbel von nebenan.

 

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Evenkämper waren stolz auf ihren Bezirk. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich noch an „Lippe in Flammen“?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Tel. (02389) 98 29 10.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte der einstigen Kolonie zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

 

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