Trauer um Haustiere: Von wegen „Stell dich nicht so an...“

rnWenn Haustiere sterben

Der Tod eines geliebten Haustieres ist schmerzhaft. Er kann die Halter in tiefe Trauer stürzen. Bei ihren Mitmenschen stoßen sie bisweilen auf Unverständnis. Doch diese Trauer ist legitim.

Werne

, 20.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

„Das war doch nur ein Tier. Stell dich nicht so an!“ – Diesen Satz hat Mathias Tengowski nicht nur ein Mal gehört. Und jedes Mal, wenn er ihn gehört hat, hat es ein bisschen in ihm gebrodelt. „Natürlich war es ein Tier. Aber es war auch ein Familienmitglied“, hat Tengowski dann immer gesagt.

Der 37-jährige Werner zeigt ein Bild auf seinem Smartphone. Darauf ist er mit Polly zu sehen. Das kleine Meerschweinchen war vier Jahre lang sein „treuer Begleiter“. Und als Polly starb, da war Tengowski am Boden zerstört. Wenn er davon erzählt, dann werden seine Augen immer noch glasig, die Stimme brüchig und die Lippen beginnen leicht zu zittern.

Trost in der Gruppe finden

Tengowski war schon immer Tierfreund, hatte Wellensittiche, Hamster und eben Meerschweinchen – diese kleinen, knuffigen, quiekenden Felltierchen, die es ihm besonders angetan haben. Und er weiß, dass sich das, was er über sein Leben mit Polly erzählt, für manche Menschen übertrieben anhören mag.

Aber er weiß auch, dass es viele Menschen gibt, die ihn verstehen, die seine Situation nachempfinden können. Das sind vor allem die Menschen, die selbst Tiere haben oder sogar bereits ein geliebtes Haustier verloren haben.

Mathias Tengowski hat auf seinem Smartphone noch Bilder mit Meerschweinchen Polly.

Mathias Tengowski hat auf seinem Smartphone noch Bilder mit Meerschweinchen Polly. © Felix Püschner

Inzwischen gibt es sogar Selbsthilfegruppen für Menschen, die den Tod ihrer Haustiere verarbeiten wollen. Der 37-Jährige ist Mitglied in einer „WhatsApp-Brommsel-Bande“. Brommseln, das ist das Verhalten, das Meerschweinchen vor allem zur Brautwerbung an den Tag legen, wenn sie mit dem Hintern wackeln und ein brummendes Geräusch von sich geben. In der WhatsApp-Gruppe kann sich Tengowski mit vielen Gleichgesinnten austauschen. Und er findet Trost.

„Wir begegnen unseren Tieren mit menschlichen Gefühlen. Auch das Gefühl der Trauer ist in dieser Beziehung nicht ausgenommen.“
Psychologin und Autorin Claudia Pilatus

Der Tag, als Polly starb, ist Tengowski noch gut in Erinnerung. Als er nach Hause kam und von den anderen Meerschweinchen Max, Lulu und Sheadow mit Quieken und Pfeifen begrüßt wurde, fehlte eine Stimme. Es war die des kleinen schwarzen Fellknäuels, das in der Ecke lag und sich nicht mehr rührte. Der Tod von Polly habe ihn so sehr mitgenommen, dass er drei Tage nichts essen konnte, sagt Tengowski. Ist das übertrieben?

Nein, sagt beispielsweise die Diplom-Psychologin Claudia Pilatus. „Wir begegnen unseren Tieren mit menschlichen Gefühlen. Auch das Gefühl der Trauer ist in dieser Beziehung nicht ausgenommen“, heißt es in ihrem Ratgeber Es ist doch nur ein Hund… Das betreffe nicht nur Hundebesitzer, sondern auch Pferde- oder andere Tierliebhaber. Dass die Bindung zu Tieren so eng sein kann, dass der Tod den Halter aus der Bahn wirft, lässt sich auch erklären.

Warum uns der Tod der Tiere so nahe geht

„Nicht nur die Persönlichkeit des Tierbesitzers hat Einfluss auf das Verhalten des Tieres, auch das Tier prägt seinen Menschen. Wir widmen ihm über Jahre Gedanken, Handlungen, Gefühle. Unsere Haustiere beschäftigen unser Denken und Fühlen. Sie geben uns Wärme und Freude. Tiere sind positiv, sind heilende Therapie für Einsame. Alte, Kranke und Ausgestoßene“, heißt es dort.

Bei Tengowski, der schon länger mit seiner eigenen Gesundheit zu kämpfen hatte, war das ähnlich. Seine Tiere hätten ihm Halt gegeben, sagt er. Jedes auf seine eigene Weise. Denn jeder der kleinen Begleiter habe seinen eigenen Charakter.

Polly sei im Vergleich zu ihren artgenössischen Mitbewohnern beispielsweise eher zurückhaltend gewesen, manchmal etwas frech und statt zu pfeifen oder zu quieken habe sie eher eine Art Schrei von sich gegeben. Ganz eigentümlich eben. Und deswegen könne auch kein Tier ein anderes ersetzen, betont Tengowski.

Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise. Der Austausch mit Gleichgesinnten kann hilfreich sein.

Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise. Der Austausch mit Gleichgesinnten kann hilfreich sein. © Tom Pumford / unsplash.com

Wen wundert es da noch, wenn ein Mensch nach dem Verlust eines Tieres trauert. Und die Phasen der Trauer unterscheiden sich kaum von denen, die jemand beim Verlust eines ihm nahestehenden Menschen durchläuft. Leugnen und Isolation, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptieren sind solche klassischen Stadien.

Manche Forscher sprechen auch von Phasen des Schocks, der Kontrolle, Regression und Anpassung. Klingt alles reichlich wissenschaftlich. Doch letztlich trauert ohnehin jeder Mensch auf seine eigene Weise. Komplizierter wird die ganze Angelegenheit, wenn Tierhalter vor der Frage stehen: Einschläfern oder nicht?

Einschläfern oder nicht?

Die Werner Tierärztin Stefanie Mors ist mit solchen Situationen vertraut. Manchmal gebe es wochenlang keinen einzigen solchen Fall. Dann kämen wieder Zeiten, in denen in ihrer Praxis ein Tier pro Woche eingeschläfert werden müsse. Und die Frage nach dem „Müssen“ spielt dabei eine wichtige Rolle.

Es komme durchaus vor, dass Tierhalter die Praxis aufsuchen und sich mit den Worten „Wir wollen nicht, dass sich unser Tier quält“ an Mors wenden. „Dabei ist es aus ärztlicher Sicht noch nicht so, dass man das Tier einschläfern müsste. Man kann häufig noch behandeln – und jedes Tier hat ein Recht darauf zu leben. Auch wenn es Alterserscheinungen aufweist. Wenn ich der Meinung bin, dass eine Einschläferung nicht angebracht ist, dann lehne ich sie auch ab“, sagt Mors.

„Man sollte nichts überstürzen, sondern sich in Ruhe verabschieden.“
Tierärztin Stefanie Mors

Auf der anderen Seite gebe es die Fälle, in denen die Ärztin zum Einschläfern rät, Frauchen und Herrchen sich aber querstellen – etwa, weil sie das Verhalten der Tiere falsch deuten und zu dem Schluss kommen: Das wird schon wieder! Dann muss Mors Überzeugungsarbeit leisten. Bislang habe sie sich in 20 Jahren als Tierärztin aber immer mit den Haltern geeinigt. Und in der Regel fühlten sich die Leute auch nicht überrumpelt, wenn sie eine Einschläferung empfiehlt.

„Es sind überwiegend Tiere mit einer langen Krankengeschichte. Dass die Halter gar nicht darauf vorbereitet sind, kommt selten vor – vor allem, wenn die Leute die Krankheitsanzeichen falsch eingeschätzt haben und ihre Tiere deshalb erst relativ spät zum Arzt bringen“, erklärt Mors.

Keine Schmerzen – keine Quälerei

Dann könne es natürlich vorkommen, dass die Halter schockiert sind. „Man sollte aber nichts überstürzen, sondern das Tier vielleicht noch mal mit nach Hause nehmen und sich in Ruhe verabschieden. Nur wenn es ein akuter Notfall ist und sich das Tier offensichtlich zu sehr quält, sollte man es nicht aufschieben. Das ist weder für das Tier noch für den Besitzer gut“, sagt Mors.

Sofern die Narkosespritze richtig sitzt, würden die Tiere von der zweiten Injektion – das ist die, die zum Tod führt – nichts merken. Keine Schmerzen. Keine Panik. Keine Quälerei mehr.

Der Umgang mit den trauernden Haltern erfordert laut Mors viel Fingerspitzengefühl, viel Empathie. Die manchmal schockierende Wahrheit müsse sie ihnen schonend beibringen – und nicht selten hat auch sie selbst dabei einen Kloß im Hals.

Auf dem Tierfriedhof in Dortmund-Wambel liegen mehr als 600 Tiere begraben.

Auf dem Tierfriedhof in Dortmund-Wambel liegen mehr als 600 Tiere begraben. © Reminghorst (A)

Die Empathie des Bestatters

Empathie spielt auch im Alltag von Tierbestattern eine wichtige Rolle. Mal eben das verstorbene Haustier aus der Wohnung des Halters oder der Tierarztpraxis abholen, auf den Anhänger schmeißen und zum nächsten Krematorium düsen – so läuft das nicht. Oder besser gesagt: So sollte es nicht laufen. „Man sollte sich da selbstverständlich adäquat verhalten. Man begegnet schließlich trauernden Menschen. Das ist keine lapidare Angelegenheit“, sagt Martin Struck. Struck ist Vorsitzender des Bundesverbands der Tierbestatter (BVT) und Geschäftsführer der Friedhofsgärtner-Genossenschaft Dortmund, die einen Tierfriedhof mit weit mehr als 600 Gräbern für Körperbestattungen betreibt.

Der würdevolle Umgang mit den Haustieren stehe neben dem einfühlsamen Umgang mit den Verbliebenen an erster Stelle. Hinzu komme eine individuelle Beratung, bei der unter anderem die verschiedenen Bestattungsarten sowie die damit verbundenen Kosten besprochen werden.

Steigende Nachfrage nach Tierbestattungen

Die Nachfrage nach Tierbestattungen steigt kontinuierlich. „Das liegt vor allem daran, dass die Tiere immer mehr zu Familienmitgliedern werden. Es entsteht eine viel engere Bindung. Und es bedeutet auch, dass die Trauerarbeit immer früher beginnt“, erklärt Struck. Da gebe es einerseits die Halterin Mitte Zwanzig, deren Hauskatze nach mehr als 10 Jahren gestorben sei.

Aber da gebe es natürlich andererseits auch das kleine Kind, das irgendwie mit dem Tod des Familienhundes umgehen müsse: „Wir haben dort mehrere Möglichkeiten. In Dortmund arbeiten wir beispielsweise mit zwei Naturpädagoginnen zusammen, die geschult sind, Kindern den Umgang mit Tod und Trauer zu vermitteln. Wir haben zudem Insektenfriedhöfe an Kindergärten angelegt. Und wir stellen auch Unterrichtsmaterialien und Literatur zur Verfügung. Auf dem Friedhof gibt es für Kleintiere von Kindern unter 14 Jahren eine Beisetzung zum Taschengeldpreis.“

In der Urne mit nach Hause

Doch nicht nur die Erdbestattung auf dem Friedhof ist gefragt. Der Trend geht vor allem zur Einäscherung, wie Susanne Jellinghaus weiß. „Wir haben im vergangenen Jahr etwa 1000 Anfragen bekommen. Das ist wesentlich mehr als noch vor drei Jahren“, so die Inhaberin von Tierbestattungen Stadler in Hamm. Bei gut 85 Prozent habe es sich um Hunde oder Katzen gehandelt. Aber auch Wellensittiche, Papageien oder Bartagamen seien schon dabei gewesen. Wer sein Tier einäschern lässt, kann die Überreste entweder direkt am Krematorium verstreuen lassen oder in einer Urne mit nach Hause nehmen.

Auch Mathias Tengowski hat sein Meerschweinchen Polly bestattet. Allerdings weder in einer Urne noch auf einem Friedhof, sondern an einem „geheimen Ort“. Ganz unauffällig, ohne Kreuz, Grabstein oder Ähnlichem. Nur in einem kleinen Karton mit ein paar persönlichen Sachen, etwas Futter und Streu. Und einer Karte mit der Aufschrift „Danke für die gute Zeit“.

Die Tierbestattung:
  • Bestattung auf dem Friedhof: Auf dem Tierfriedhof schlägt ein 60 mal 100 Zentimeter großes Grab durchschnittlich mit 125 Euro für die Beisetzung und 75 Euro Pflegekosten jährlich zu Buche. Bei einer Einzelkremierung fallen für eine Katze oder einen kleinen Hund rund 200 bis 300 Euro an. Hinzu kommt die Urne, deren Preis – abhängig von Material und Machart – zwischen 80 und 1000 Euro liegt. Mehr Infos dazu gibt es beim Bundesverband der Tierbestatter.
  • Bestattung im eigenen Garten: Von Seiten des Veterinäramtes des Kreises Unna heißt es „Das Vergraben von einzelnen Heimtieren auf dem eigenen Grundstück ist zulässig, wenn eine Mindesttiefe von 50 cm eingehalten wird und das Grundstück nicht in einem Wasserschutzgebiet liegt. Außerdem muss ein ausreichender Abstand zu öffentlichen Wegen und Plätzen eingehalten werden. Minischweine gehören nicht zu den Heimtieren und sind in der Tierkörperbeseitigungsanstalt unschädlich zu beseitigen.“
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