Stadtplaner zu Wohnungsbau in Werne: „Der Druck ist ziemlich groß“

rnWohnungsbau in Werne

Viele Werner wünschen sich mehr Wohnraum in Werne. Das hat unsere große Umfrage ergeben. Über den Stand der Dinge in Sachen Wohnungsbau haben wir mit der Stadt Werne gesprochen.

Werne

, 08.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

An unserer groß angelegten Umfrage zur Zufriedenheit mit der Werner Stadtverwaltung haben 353 Bürger teilgenommen. Eines der Themen, um die es dabei ging: Wohnen. Wohnraum und Bauland sind in Werne wie in vielen Kommunen landesweit knapp. Der Frust darüber hat sich auch in unserer Umfrage bemerkbar gemacht.

Dabei haben wir die Umfrage-Teilnehmer unter anderem darum gebeten, abzustimmen, ob sie mit einer Reihe von Aussagen übereinstimmen oder nicht. Eine davon lautete: „Es ist schwierig, in Werne eine geeignete Wohnung zu finden“. Von 353 Befragten stimmte der Großteil (134 Stimmen) der Befragten für die Aussage „trifft voll und ganz zu“, 104 stimmten für „trifft eher zu“. Enthalten haben sich 71 der Befragten.

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Auf die Frage hin, welche Maßnahme die Stadt ergreifen sollte, um das Angebot an Wohnungen zu verbessern, stimmten 162 Teilnehmer für „selbst bezahlbare Wohnungen bauen“, 152 für „mehr Bauflächen für Wohnungen schaffen/ausweisen“, 90 für „Genehmigungsverfahren vereinfachen“. 27 der Befragten hingegen sind der Ansicht, die Stadt tue bereits genug für den Wohnungsmarkt, 36 finden „die Stadt soll sich aus dem Wohnungsmarkt heraushalten“.

„Wir sind da hinterher, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht“

Darüber hinaus schlugen die Befragten noch weitere Maßnahmen vor, darunter, das Zechengelände zur Wohnbebauung zu erschließen, ebenso wie Bauernschaften, leerstehende Häuser in Werne auf Vordermann zu bringen, Werner Bürger bei der Grundstücksvergabe zu bevorzugen, über Supermärkten Wohnungen zu bauen und auf das Vorkaufsrecht zu verzichten.

In Werne sind seit 2018 sechs Bauvorhaben realisiert und 100 Wohneinheiten gebaut worden, sechs weitere Projekte werden derzeit umgesetzt (100 Wohneinheiten). Geplant sind Stand jetzt für die kommenden Jahre nochmal sechs weitere, erläutert Ralf Bülte, Leiter des Dezernats Planen und Bauen bei der Stadt Werne. Insgesamt 200 Wohneinheiten sollen somit in den kommenden zwei Jahren gebaut werden, 55 davon öffentlich gefördert.

„Wir sind da hinterher, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht“, sagt Bülte. Allerdings müsse man beachten, dass sich öffentlich geförderter Wohnungsbau bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage eigentlich gar nicht lohne. Die Stadt Werne besitzt keine eigene Wohnungsbaugenossenschaft. Dies sei für eine Stadt dieser Größe auch eher unüblich. Denn entsprechend müsse man beispielsweise auch Stellen schaffen.

„Für eine kleinere Stadt ist das ein riesen Aufwand“, so Bülte - auch finanziell und bürokratisch, bedenke man die ganzen Förderanträge für öffentlichen Wohnungsbau. Deshalb arbeitet die Stadt derzeit etwa mit der Wohnungsbaugenossenschaft in Lünen zusammen, die das Kastanienquartier an der Horster Straße realisiert. Ein Projekt, das eigentlich erst später begonnen werden sollte.

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Auf dem städtischen Grundstücksmarkt herrscht derzeit gähnende Leere. Derzeit gebe es keine städtischen Flächen für etwa Einfamilienhausquartiere. Dementsprechend müsse die Stadt selber Flächen ankaufen oder Projekte gemeinsam mit privaten Investoren realisieren. Allein Am Baaken und im Eickawäldchen in Stockum entstehen 50 Einfamilienhausparzellen. Das reiche nicht, sagt Bülte, aber es bewege sich etwas.

Seit 2003 fährt die Stadt das Konzept „Innen- vor Außenentwicklung“: Flächen in den bestehenden Siedlungsflächen verdichten. In den Außenbereich will die Stadt auch künftig erst einmal nicht vordringen. Denn Wohnraum zu bauen sei das eine. Die Infrastruktur - Straßen, Leitungen, Kitas und Spielplätze - die das mit sich bringe, dann das andere. Mit der Kita am Wald entstehe derzeit die vierte neue in kürzester Zeit, sagt Gabi Stolbrink, Abteilungsleiterin im Bereich Stadtentwicklung. Und ungesteuertes Wachstum könne auch nicht die Lösung sein, so Bülte. Außerdem sei der Außenbereich geschützt - ein Bereich, in dem sich auch Forstwirtschaft und Windenergie entwickeln müssten.

Ralf Bülte, Diplomingenieur und Stadtplaner bei der Stadt Werne

Ralf Bülte, Diplomingenieur und Stadtplaner bei der Stadt Werne © Archivfoto Jörg Heckenkamp

Stadt Werne nimmt Stellung zu Wohnbau-Vorschlägen der Bürger

„Wenn der Druck größer wird, dann schauen wir, was geht innen noch und dann müssen wir in die Randbereiche gehen“, so Bülte. Und der Druck sei im Moment ziemlich groß. Das versuche man durch Wohnquartiere zu lösen. Vorgabe für die Stadt bei der Realisierung von Wohnungsbauprojekten ist die sogenannte Regionalplanung, die der Regionalverband Ruhr (RVR) alle 15 Jahre erneuert, der sich am Wohnraumbedarf von Moers bis Hamm orientiert.

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Zu den einzelnen Vorschlägen der Bürger sagt Bülte folgendes:

Genehmigungsverfahren vereinfachen: „Da haben wir keinen Einfluss drauf.“ Mit der neuen Landesbauverordnung von 2018 seien Verfahren bereits vereinfacht worden, wodurch etwa der Abriss einiger Gebäude genehmigungsfrei geworden sei. Anderes könne ohne Genehmigung gebaut werden.

„Die Stadt soll sich aus dem Wohnungsmarkt heraushalten“: „Ganz klar ‚Nein‘“, sagt Bülte. „Wir haben ein Handlungskonzept und wollen Einfluss nehmen.“ Man wolle Bauland bereitstellen. Und eben nur die Stadt könne entwickeln und Genehmigungen erteilen, so der Diplomingenieur.

Kauf von Bestandsimmobilien fördern: Bei dem Programm „Jung kauft Alt“ werden junge Familien mit 3000 Euro und je 1000 Euro für je eines von bis zu zwei Kindern beim Kauf einer Altbauimmobilie unterstützt. 50.000 Euro gibt die Stadt Werne dafür insgesamt jährlich aus. Bis zu 14 Projekte seien das jährlich - und es werde stark nachgefragt. Auf Privathäuser, die leer stehen, habe man dabei natürlich keinen Einfluss, so Bülte.

Diese Wohnbauprojekte hat die Stadt Werne schon umgesetzt, werden derzeit realisiert oder befinden sich in Planung.

Diese Wohnbauprojekte hat die Stadt Werne schon umgesetzt, werden derzeit realisiert oder befinden sich in Planung. © Leonie Sauerland

Das Zechengelände bebauen: „Wir sind da seit vielen Jahren mit der Eigentümerin im Gespräch“, sagt Ralf Bülte. Allerdings sehe man auf dem Gelände seitens der Stadt eher eine gewerbliche Nutzung, zumal dort zum einem Schadstoffe im Boden seien und bereits Gewerbe angesiedelt sei, das das ehemalige Zechengelände von der restlichen städtischen Wohnbebauung abschotte. Außerdem sei der Lärmpegel in dem Bereich auch entsprechend höher. Denn Gewerbegebiet fehlen Werne eben auch, so Bülte.

Bedarf für neue Wohnformen entgegen kommen: Neben dem Projekt „Jung kauft Alt“ gibt es in Werne das Projekt „Gemeinsam wohnen an den Linden“, ein Mehrgenerationenprojekt und Wernes erste Klimaschutzsiedlung mit 33 Eigentumswohnungen. „Das Projekt haben wir stark unterstützt“, sagt Ralf Bülte. Ursprünglich war es der Plan, im Sommer 2020 mit dem Bau zu beginnen. Nun stehe man aber kurz vor dem Beginn, so Bülte.

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Vorkaufsrecht unterlassen: „Wir kriegen jeden Kaufvertrag und müssen die Bescheinigung ausfüllen, dass wir es nicht ausüben“, sagt Gabi Stolbrink. Nur in wenigen Fällen, unter ganz eingeschränkten Bedingungen und nur, wenn es sich um eine öffentliche Fläche handele, habe die Stadt da überhaupt eine Handhabe. „In 99,9 Prozent der Fälle üben wir es nicht aus“, so Bülte.

Auf Vermieter von Spekulationsobjekten einwirken: Es gebe vielleicht Einzelfälle von Spekulationsobjekten in Werne, das finde aber nicht im großen Stil statt, sagt Bülte. Bei Eigentümern, die Gebäude absichtlich verfallen ließen, um es langfristig abreißen zu können, halte man dagegen.

Grundstücke nicht an große Wohnungsträger verkaufen: Dieser Einwand sei richtig, sagt Bülte. In der Vergangenheit habe man etwa den Fürstenhof an einen Bauträger gegeben. Auf private Investoren habe man hingegen keinen Einfluss.

Mieten niedrig halten: „Wenn wir könnten, würden wir das machen“, sagt Ralf Bülte. Aber auf den Mietspiegel habe die Stadt keinen Einfluss. „Nur in der Form, dass wir Grundstücke bereitstellen für den öffentlich geförderten Wohnungsbau.“ Dem politischen Beschluss nach sollen von 2018 bis 2030 insgesamt 240 Wohneinheiten entstehen. „Für alle Wohngruppen Raum zu schaffen, ist die Zielsetzung“, sagt Bülte.

Wohnen über Supermärkten: Das sei eine gute Idee, sagt Ralf Bülte. Und in Städten wir Münster oder Dortmund sicherlich kein Problem, wo Supermärkte in die Innenstadtfassaden integriert sind. So nutze man Ressourcen, indem man in die Höhe baue. Die Frage sei aber, wer über einem freistehenden Supermarkt in Werne mit dem Lieferverkehr um 6 Uhr morgens wohnen wolle. Baurechtlich und statisch sei das Thema aber kein Problem und werde bei neuen Märkten immer mit angesprochen.

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