Ursula Lünebrink übernahm Wernes erste Trinkhalle

Evenkamp-Serie

In dieser Folge der Evenkamp-Serie erinnert Ursula Lünebrink an die erste Trinkhalle in Werne. Ihr Vater Wilhelm Hesse hatte sie 1949 an der Lippestraße eröffnet – zuerst am Wärterhäuschen, dann auf dem heutigen Böcker-Gelände. Das sind ihre Erinnerungen an die frühere Evenkamp-Zeit.

EVENKAMP

, 23.07.2016, 05:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Mich kannten alle nur unter Ulla. Meinen Hausnamen wusste keiner“, erzählt Ursula Lünebrink (78), geborene Hesse. Ihr Vater hatte 1949 die erste Werner Trinkhalle: Sie stand erst am Wärterhäuschen, dann gegenüber an der Lippestraße auf dem heutigen Böcker-Gelände. Die Umgebung des damaligen Standorts hat sich stark gewandelt. Es gibt weder die Trinkhalle, noch das Wärterhäuschen, an dem sie gestanden hat. Und die Lippestraße führt auch nicht mehr dort entlang, wo das Wärterhäuschen mal war.

„Wenn man an den Beamtenhäusern in Richtung Kolonie läuft“, erklärt sie, „befand sich die Trinkhalle auf der rechten Seite direkt an der Bahnlinie.“ Heute parken hier Fahrzeuge der Firma Böcker. Die Lippestraße führte damals noch über das Grundstück in Richtung Bahnlinie. „Wenn die Lok auf dem Abstellgleis stand, kam der Lokführer erst mal zu uns und holte sich ein Bier.“

Straße wurde begradigt

Später wurde die Lippestraße begradigt. Man verlegte die Straße und führte sie geradeaus auf die alte Bahnüberführung zu. Die Gleise sind auch nicht mehr da. Auf der alten Bahntrasse führt jetzt der Radweg entlang. „Als die Straße begradigt wurde, baute mein Vater gegenüber einen neuen Kiosk“, erinnert sie sich. Dort, wo heute die Frohsinn-Schützen in ihren Schießkeller gehen.

„Hier hat sich viel verändert“, stellt sie fest. Die Waldstraße führte damals noch von der Stockumer Straße bis zur Lippestraße. An der Einfahrt des heutigen Böcker-Geländes ist sie noch zu erkennen. Sie erzählt von der alten Kleiderfabrik Plutte und der evangelischen Notkirche für die Flüchtlinge im heutigen Wohngebiet Beckingsbusch. „Die Fabrikarbeiter kamen in der Mittagspause zu uns. Die Bergarbeiter kamen nach Feierabend auf ihrem Heimweg zu Fuß vorbei.“

Leute hielten ein Pröhlken

Als Wilhelm Hesse 1956 starb, übernahm sie mit ihrer Mutter Else die Trinkhalle. „Die Leute hielten immer ein Pröhlken. Man hatte ja Zeit“, sagt sie. Erst 1963, als sie heiratete, verkaufte die Familie die Trinkhalle. Als sie ihrer Mutter erzählte, dass sie einen Mann aus der Burbankstraße heiraten wolle, war das Entsetzen groß. „Das geht doch nicht, Du weißt doch, dass die aus der Burbankstraße immer bei uns anschreiben lassen“, gab ihre Mutter zu bedenken. „Heute lachen mein Mann und ich darüber.“ Das war eben der Ruf. „Wenn ich ins Geschäft ging, fragten uns die Leute, ob wir bezahlen könnten.“

Sie lacht: „Hinterher sagten wir nur noch, dass wir im Dahl wohnen.“ Mit dem Auslauf der Zeche und dem Abriss der Baracken änderte sich das Ansehen. „Heute sind es nur noch die Erzählungen, die die Erinnerungen wach halten“, sagt sie und schmunzelt. „Es waren schöne Zeiten.“

Zur Person

Ursula Lünebrink, geborene Hesse, ist am 19. November 1937 geboren. Aufgewachsen ist sie an der Bonenstraße 40, gegenüber der damaligen Bäckerei Veltmann. Als sie heiratete, zog sie in den Evenkamp an die Burbankstraße 68, ins Elternhaus ihres Mannes. Ihr Vater Wilhelm Hesse eröffnete am alten Wärterhäuschen an der Lippestraße die erste Werner Trinkhalle.

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Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Bewohner des Evenkamps waren stolz auf ihren Bezirk, der etwas Verruchtes hatte, wie es im Werner Volksmund immer wieder heißt. Die „Städter“ wollten mit der Kolonie nichts zu tun haben. Aber inzwischen ist es längst Geschichte und in die alten Zechenhäuser sind „Auswärtige“ gezogen. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Tante Erna“, die legendäre Eis-Diele neben der Barbara-Schule?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Tel. (02389) 98 29 10.

Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte der einstigen Kolonie zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor.

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