Verdi-Sekretär spricht über Amazon-Streiks in Werne

Markus Renner im Interview

Mit „Nadelstichen“ will die Gewerkschaft Verdi auch 2016 das Geschäft von Amazon stören und den Standort im Wahrbrink tageweise bestreiken. Über den Sinn und das Ergebnis der Streiks sprach der zuständige Verdi-Sekretär Markus Renner mit RN-Redakteur Daniel Claeßen.

WERNE

, 06.01.2016, 05:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Herr Renner, wie war die Resonanz auf die jüngsten Streiks im Weihnachtsgeschäft?

Der Zuspruch seitens der Belegschaft hat definitiv zugenommen. Am letzten Streiktag 2015 hatten wir 164 Teilnehmer – das ist ein Rekord für Werne.

Aber angesichts von bis zu 1800 Mitarbeitern am Standort Werne ist die Zahl doch relativ gering.

Natürlich gibt es Mitarbeiter, die Verdi oder Gewerkschaften generell ablehnen. Aber die Stimmung uns gegenüber hat sich deutlich gebessert, es kommt zum Beispiel nicht mehr zu Anfeindungen am Werkstor. Vielmehr gibt es oft ein Lächeln, und die Leute nehmen unseren Streikaufruf an.

Warum beteiligen sich nicht mehr Mitarbeiter am Streik?

Weil sie Angst haben. Amazon verfolgt ganz bewusst eine gewerkschaftsfeindliche Politik und setzt zum Beispiel auf Einschüchterungen. Zu Beginn unserer Streiks wurden die Teilnehmer sogar fotografiert. Diese Maßnahmen wurden nach Drohungen seitens Verdi, zur Not auch den Rechtsweg zu beschreiten, eingestellt. Es ist schließlich gesetzlich geregelt, dass die Teilnahme an einem Streik keine Nachteile für den Job nach sich ziehen darf.

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Sehen Sie überhaupt keine Chancen für Verhandlungen mit Amazon?

An Verdi soll es nicht liegen! Wenn ein Zeichen der Bereitschaft seitens Amazon kommt, sind wir dabei. Aber das ist nicht die Philosophie des Unternehmens. Gewerkschaften werden schlechtgeredet, unsere Erfolge – zum Beispiel das Weihnachtsgeld von 400 Euro – werden als Entgegenkommen des Unternehmens und nicht als Reaktion auf die Streiks verkauft.

Ist Amazon mit diesem Verhalten denn die große Ausnahme?

Das kommt drauf an: Nehmen Sie zum Beispiel die Automobilindustrie, wo 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten in Gewerkschaften organisiert sind. Da braucht es keine Streiks, nicht mal langwierige Verhandlungen, weil man sich schnell einig wird. Gerade im Online-Handel gibt es aber diese Anti-Gewerkschafts-Tendenz – umso wichtiger also, dass wir diesen Kampf führen.

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Einen Kampf für einen Tarifvertrag im Einzel- und Versandhandel – obwohl Amazon Logistikunternehmen ist?

Das, was in Werne passiert, ist nur bedingt Logistikarbeit. Logistiker beliefern nicht den Endverbraucher, was Amazon jedoch tut. Außerdem ist das Unternehmen in den USA als Einzel- und Versandhändler gelistet, weil es für sie dort günstiger ist. So macht es das Unternehmen in jedem Land anders.

Geht es denn nur ums Geld?

Nein, auch um die Arbeitsbedingungen. Jede Minute Stillstand führt sofort zu einem Feedbackgespräch, durch das Druck auf die Angestellten ausgeübt wird. Der Krankenstand von Amazon liegt zwischen 20 und 30 Prozent, der Durchschnitt bei Unternehmen in Deutschland hingegen bei drei Prozent. Das kann nicht alles daher kommen, dass hier nur schwere körperliche Arbeit geleistet wird, da wird auch großer psychischer Druck aufgebaut.

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Wie wichtig ist der Betriebsrat für den Streik?

Sehr wichtig! Grundsätzlich gilt die Weisheit: Es ist besser, keinen Betriebsrat zu haben, als einen Betriebsrat, der arbeitgeberfreundlich ist. (!)

Nun gab es aber auch Kritik an der Streikführung – allen voran von Wernes linkem Ratsherr Martin Pausch.

Ich habe in der kommenden Woche ein Gespräch mit Herrn Pausch. Bevor wir uns nicht ausgetauscht haben, möchte ich dazu keine Stellung nehmen.

Glauben Sie, dass es Verdi in Werne durch die Ereignisse rund ums Solebad schwieriger hat? Viele geben der Gewerkschaft eine Mitschuld an der Insolvenz.

Ich glaube, dass die Werner das unterscheiden können. In der Tat gab es Verdi-Mitglieder, die besorgt waren, unseren Streik vor Weihnachten auf den Marktplatz zu tragen. Sie fürchteten, dass man sie beschimpfen würde.

Und ist es so gekommen?

Eben nicht. Im Gegenteil: Als wir erklärten, dass wir um einen Tarifvertrag bei Amazon kämpfen, wurde uns Mut zugesprochen. Viele haben gesagt: „Da wünsche ich euch Glück.“

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