Veronika Nentwig erinnert sich an den kleinen Rewe

Evenkamp-Serie

In dieser Folge der Evenkamp-Serie erinnert sich Veronika Nentwig an die Zeit, als sie im elterlichen Lebensmittelgeschäft ihres Vaters Theodor Wüste mithalf. Der Rewe (Hüsingstraße) versorgte die Evenkämper mit ihrem täglichen Bedarf.

EVENKAMP

, 29.06.2016, 16:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fünf Himbeerbonbons, drei Lakritzschnecken und vier Mausespeck: Die Gläser mit den Süßigkeiten sieht Veronika Nentwig noch vor sich. Ihr Vater Theodor Wüste führte von 1958 bis 1974 den Rewe an der Hüsingstraße. Die Schüler der benachbarten Köttersbergschule und späteren Barbaraschule im Beckingsbusch holten sich in den Pausen Schnuckelzeug.

„Anfangs zog mein Vater mit dem Dreirad durch Werne und verkaufte Lebensmittel“, erzählt Veronika Nentwig aus alten Zeiten. Der gelernte Müller kam 1950 aus der Gefangenschaft, machte sich mit einem mobilen Milchwagen selbstständig und ließ sich dann 1958 mit einem eigenen Laden an der Hüsingstraße/ Ecke Barbara-straße nieder. „Wenn man einen mobilen Laden hatte, war ein Geschäft unabdingbar“, lautete die Auflage damals.

Brötchen für 7 Pfennig

Ob Brot, Brötchen, Milch, Joghurt, Sahne, Quark, Käse, Obst, Konserven, Spirituosen, Schulhefte, Stifte oder Waschpulver: Mit seinem Laden-Sortiment deckte der Lebensmittelhändler mindestens 80 Prozent des täglichen Bedarfs der Evenkämper ab. „Die Leute kamen mit Kittelschürze zum Einkauf“, erzählt sie. Zumeist waren es die Hausfrauen der Bergarbeiterfamilien, die schnell etwas einkaufen wollten. „Das Brötchen kostete damals noch sieben Pfennig“, erinnert sie sich. Der Preis ist ihr im Gedächtnis geblieben. Zum Vergleich: Heute kostet es das Zehnfache.

Für den Milchkauf brachten die Kunden Topf oder Milchkanne mit. Die Milch, die die Familie von der Werner Molkerei Heemann an der Goerdeler Straße bezog, wurde abgezapft. Die ganze Nachbarschaft kaufte bei ihren Eltern, aber auch die Lehrer der Barbaraschule gingen in den Tante-Emma-Laden, um sich mit Lebensmitteln für den Hauswirtschaftsunterricht zu versorgen.

Unterwegs mit dem Milchwagen

Zu Beginn hatte die Familie sogar sonntags geöffnet. „Die Leute holten sich bei uns die frisch geschlagene Sahne für den Kuchen“, erzählt Veronika Nentwig. Die wenigsten hatten einen Kühlschrank. Später löste ein großer Milchwagen das Dreirad ab. Damit fuhr Theodor Wüste dann durch den Evenkamp bis nach Stockum.

Erst mit dem Bau des Kaufparks an der Klöcknerstraße gab die Familie ihren Betrieb auf. Ihr Vater hatte die Rente durch und gegen die Konkurrenz mit Discounterpreisen mochte sich der Familienbetrieb nicht mehr durchsetzen müssen.  

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Bewohner des Evenkamps waren stolz auf ihren Bezirk, der etwas Verruchtes hatte, wie es im Werner Volksmund immer wieder heißt. Die „Städter“ wollten mit der Kolonie nichts zu tun haben. Aber inzwischen ist es längst Geschichte und in die alten Zechenhäuser sind „Auswärtige“ gezogen. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Tante Erna“, die legendäre Eis-Diele neben der Barbara-Schule?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Telefon (02389) 98 29 10.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Allein sieben Lebensmittelgeschäfte zählte das Gebiet um Lippestraße und Stockumer Straße. Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

 

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