Vier Reisebüros gibt es in der kleinen Stadt Werne - und sie wehren sich gegen Online-Portale. Wie das geht und was Sie vorm nächsten Urlaub wissen sollten, verrät Expertin Dorothee Wiewel.

Werne

, 10.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Alpen, Spanien, Amerika oder Asien: Die Welt ist klein geworden und viele der Urlaubsziele, die früher nahezu unerreichbar schienen, sind jetzt kinderleicht zu bereisen.

Genau wie die Ziele scheinen auch die Buchungsmöglichkeiten unendlich groß zu sein. Viele Anbieter finden sich im Internet - und gleich vier Reisebüros in der Werner Innenstadt. Doch nehmen sich die vielen Anbieter nicht gegenseitig die Kunden weg?

Reisebüros spüren die Online-Konkurrenz

„Bei uns ist im Moment die Hölle los“, sagt Dorothee Wiewel vom gleichnamigen Reisebüro an der Südmauer, nachdem wir zuvor einige Minuten in der Warteschleife ausgeharrt haben. Während es draußen kalt ist und regnet, steigt die Vorfreude der Kunden auf einen Urlaub in der Sonne.

„Wir können aber auch nicht verhehlen, dass wir die Konkurrenz durch das Internet bemerken“, sagt die 45-Jährige. Urlauber, die sie früher jahrelang als Stammkunden galten, tauchten plötzlich nicht mehr auf, buchten ihre Reise zu Hause am Computer in einem der vielen Buchungsportalen.

Tipps zur Reisebuchung

Das rät Reiseexpertin Dorothee Wiewel

  • Viele Angebote variieren von Tag zu Tag um bis zu 400 Euro.
  • Vor der Buchung sollte man die Angebote im Auge behalten oder dies von einem Reisebüro übernehmen lassen.
  • Urlaub für die Sommerferien sollte man schon jetzt buchen und nicht allzu lang abwarten und auf günstigere Preise hoffen.
  • Last-Minute-Angebote sind nicht automatisch besser. Oft bieten die übriggebliebenen Angebote beispielsweise schlechtere Flugzeiten oder Zimmer.
  • Hat man einmal gebucht, sollte man die Preise anschließend nicht mehr vergleichen: So vermeidet man Frust, sollte das Angebot doch noch einmal im Preis sinken.

„Der große Vorteil den Online-Tourismus ist, dass es eine irrsinnige Bandbreite und große Vergleichbarkeit der Angebote gibt“, sagt Michael Buller (52), Vorstand des Verbandes Internet Reisevertrieb (VIR). Gerade im Individualbereich hätten die Online-Anbieter deshalb die Nase vorn.

41 Prozent aller Deutschen gaben in einer Umfrage des Digitalverband Deutschlands, Bitkom, an, dass sie ihren Urlaub im Internet buchen. Die Gründe sind dabei besonders das große Angebot und die Flexibilität.

„Ich buche alles online über Vergleichsportale. Man hat die freie Auswahl und ist völlig ungezwungen“, sagt auch die 28-jährige Natalie Radzuweit aus Werne.

Reisebüros haben sich auf die Anforderungen der Kunden eingestellt

Mehr als 80 Prozent der Bitkom-Befragten gaben an, dass sie im Internet die Vergleichbarkeit der einzelnen Angebote besser finden. Mehr als 90 Prozent loben sogar die Unabhängigkeit von den Öffnungszeiten.

Anforderungen, auf die sich auch Wiewel einstellt: „Wir haben Kunden, die bei uns etwas gebucht haben, die ich noch nie gesehen habe.“ Jederzeit könnten Interessierte E-Mails oder gar Nachrichten über das Handy schreiben, Wiewel und ihre Kollegen suchen das passende Angebot heraus, und wenn das stimmt, kann auch per E-Mail gebucht werden.

Oft wüssten Wiewels Kunden bereits ganz genau, was sie wollen. Sie haben sich im Vorfeld über das Internet inspirieren lassen und ihren Urlaubsort ausgekundschaftet. Genau in diese Phase falle oft auch die Entscheidung für ein Reisebüro oder die Buchung im Internet, sagt Thorsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbands (DRV), der auch Reisebüros vertritt.

„Für lange und komplexe Reisen oder gar Rundreisen geht der Kunde ins Reisebüro, weil er sich beraten möchte“, sagt Schäfer. Kurze und verhältnismäßig einfache Trips oder einzelne Hotel- und Flugbuchungen erledigen Urlauber hingegen häufig im Netz.

Zahl der Reisebüros ist deutschlandweit gesunken

Reisebüros, die zuvor ihren Umsatz besonders durch solche „einfachen Reisen“ generiert haben, seien laut Schäfer häufig auf der Strecke geblieben. „Es hat eine Konzentration stattgefunden“, so Schäfer. Deshalb sei die Zahl der stationären Reisebüros deutschlandweit gesunken. 11.116 Vertriebsstellen gebe es deutschlandweit aktuell.

Das liege einerseits an den steigenden Zahlen der Online-Buchungen, andererseits aber auch daran, dass sich mehr Reisebüros auf bestimmte Angebote konzentrierten. So gebe es Reisebüros für Luxusreisen, Kreuzfahrten, Familien, Homosexuelle oder bestimmte Länder.

Spezialisierung lohnt sich für Werner Reisebüros nicht

In einer Stadt wie Werne lohne sich das allerdings nicht, sagt Petra Schmiedeknecht, Teamleiterin des Reisebüros Lunemann an der Steinstraße: „Wir versuchen, die breite Masse anzuziehen. Eine Spezialisierung ist hier gar nicht möglich.“ Das bestätigen auch die Reisebüros Wagner und Schulze auf Anfrage.

„Für lange und komplexe Reisen oder gar Rundreisen geht der Kunde ins Reisebüro“
Thorsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbands

Auch die ungewöhnlich hohe Anzahl von vier Reisebüros in einer Stadt wie Werne sei kein Problem. „Wir kommen alle gut aus und sind etabliert“, sagt Schmiedeknecht. Darüber seien Vertreter der Touristikkonzerne immer wieder erstaunt, wenn sie nach Werne kämen.

Mit Kompetenz überzeugen

Es ist die Kompetenz, mit denen Reisebüros ihre Kunden überzeugen wollen - und das klappt in Werne. Für Wiewel schließt sich der Kreis nämlich gerade. Die Kunden, die sie jahrelang ans Internet verloren hatte, kommen nun wieder zu ihr. „Die Leute haben ihre Erfahrungen gemacht und ich freue mich, dass sie wieder zurückkommen.“

Ausschlaggebend ist dabei, dass die Preise im Reisebüro gar nicht - wie viele denken - teurer sind als im Internet. „Laut Handelsgesetzbuch darf ein Handelsherr keinen Vertriebspartner benachteiligen“, so Schäfer. Einen Aufschlag zahlen Kunden im Reisebüro also nicht für die Beratung. „Wenn wir genau dieselben Daten heraussuchen, bekommt der Kunde bei uns denselben Preis wie im Internet“, sagt Wiewel.

Experten erwarten Verschmelzung von Online und Offline

Ins Reisebüro Lunemann kämen auch immer wieder Kunden mit Ausdrucken, die sie im Internet auf Reiseschnäppchen-Seiten wie Urlaubspiraten, Urlaubsguru und Co. fänden. Doch oft schwinge Skepsis bei ihnen mit, sodass sie nicht im Internet buchen wollen. Bei Sorgen um die Kreditkarten-Daten, bei Insolvenzen von Veranstaltern und bei Ärger im Urlaub wollen viele Kunden einen Ansprechpartner vor Ort.

So dürfte also auch in den kommenden Jahren noch „die Hölle los sein“ in den Werner Reisebüros. Sie können laut Schäfer und Buller neben dem Internetangebot überleben - eher komme es immer mehr zur Verschmelzung von On- und Offline: Reisebüros bieten Angebote im Internet und Online-Anbieter wie Urlaubsguru eröffnen mehr und mehr stationäre Filialen. Alles im Sinne des Kunden.

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