Von einer, die vom Dornberg in den Evenkamp zog

Erinnerungen an den Ortsteil

Viele Jahre lang war der Evenkamp in Werne verrufen. Die alte Bergarbeitersiedlung entwickelte daher eine eigenständige Infrastruktur - sodass es alles vor Ort gab. Brunhild Werner ist am Dornberg großgeworden. Doch sie zog es schon immer in den Evenkamp. Ihre Erinnerungen hat sie mit uns geteilt.

EVENKAMP

, 03.08.2016, 18:23 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ihre Eltern wollten, dass sie zur katholischen Marienschule in der Stadt geht. Das gehört sich so für ein Mädchen vom Dornberg. Die viel näher gelegene Volksschule (Barbaraschule) lag im Evenkamp – und die hatte wegen der Nähe zur „Kolonie“ nicht den allerbesten Ruf.

Heute lacht Brunhild Werner (58) darüber. Denn eigentlich wohnte die Familie am Dornberg und der gehört schließlich auch noch zum alten Stadtbezirk Evenkamp. „Aber davon wollten die Älteren nichts wissen“, sagt sie. Je näher es an die Zechensiedlung heranging, umso mehr war die Rede vom „tiefsten“ Evenkamp. Damals konnten die Eltern die Schule für ihre Kinder noch frei wählen, erst 1968 führte Werne die Schulbezirksgrenzen ein und sie wechselte zur Barbaraschule.

Verbotene Ausflüge der Schüler

Brunhild Werner schaut aus dem Schulgebäude in Richtung Beckingsbusch. Einfamilienhäuser reihen sich aneinander. „Als ich hier zur Schule ging“, sagt sie, „war der ganze Beckingsbusch noch eine Kohlehalde.“ Birken wuchsen aus den Bergen. Hinter dem Wall habe sie heimlich geraucht. Im Lebensmittelgeschäft Wüste an der Hüsingstraße kaufte sie sich in der Pause Süßes. Es war verboten, aber alle machten es.

Ihre Unterrichtsfächer waren Deutsch, Mathematik, Physik, Sport, Kochen. „Kochen hatten wir ohne die Jungen“, erzählt sie. Die Jungs schauten durchs Fenster in die Küche und hofften, etwas von den gebackenen Plätzchen abzubekommen.

Ihre Geschwister heirateten jeweils einen evangelischen Partner. Damit waren die Eltern überhaupt nicht einverstanden. Als sie dann selbst einen evangelischen Mann, der dazu noch Evenkämper war, mit nach Hause brachte, hatten sich die Eltern schon daran gewöhnt. „Ich war die Jüngste und meine älteren Geschwister hatten Vorarbeit geleistet“, sagt sie.

In ihrer Jugend war der Dornberg noch dunkel, hier stand kein Haus und keine Straßenlaterne. Am Tag konnte man kilometerweit schauen. Ihre Freundin wohnte am Ostring. „Wenn ich abends von ihr wegging, gab ich zu Hause Lichtzeichen und sie wusste, dass ich gut angekommen war.“

Vom Dornberg an die Lippestraße

1972 machte sie nach neun Schuljahren ihren Hauptschulabschluss und absolvierte in Hamm eine Lehre zur Dekorateurin. Als sie heiratete, verließ sie den Dornberg und zog an die Lippestraße. Hier arbeitete sie als Verkäuferin bei Stehmann, der Lebensmittelladen lag direkt gegenüber. „Das war ein richtiger Tante-Emma-Laden“, sagt sie. „Man konnte alles kaufen, die Leute ließen anschreiben und bezahlten am Zahltag der Zeche.“

Seit 31 Jahren ist sie wieder an ihrer Barbaraschule. „Hast du nicht Lust, deine alte Schule zu putzen?“, hatte ihr Nachbar, langjähriger Hausmeister, Hubert Schwichtenhövel sie gefragt. Ihre Hauptschule war inzwischen (1975) Förderschule geworden. Dazu hatte sie Lust - und tut es auch nach Auszug der Schule weiterhin

Nach den Schulferien schlägt Brunhild Werner ein neues Kapitel auf. Im Juli hatte die Schule ihren letzten Tag. Aber sie kann bleiben. Die Turnhalle ist weiterhin in Betrieb und muss geputzt werden. „Ich bin erleichtert“, sagt sie und hofft, dass es noch eine Weile so bleibt.

Zur Person:

  • Geboren wurde Brunhild Werner, geborene Teiner, am 26. August 1957 am Dornberg 33.
  • Zur Grundschule ging sie in die Wiehagenschule, danach Marienschule und Barbaraschule (1968 bis 1972).
  • Hubert Schwichtenhövel, 70 Jahre, war von 1984 bis 2009 Hausmeister der Barbaraschule. Vor einem Jahr kehrte er noch mal für eine Vertretung zurück. Mit der Schließung der Schule ist für ihn endgültig Schluss.

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Evenkämper waren stolz auf ihren Bezirk. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich noch an „Lippe in Flammen“?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Tel. (02389) 98 29 10.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte der einstigen Kolonie zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

 

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