Vor 100 Jahren hießen die Kinder in Werne Theodor, Heinrich, Maria, Wilhelmina oder Bernhardina. Kommen diese altmodischen Namen nun wieder in Mode, wie ein Namensforscher beobachtet hat?

Werne

, 04.05.2019, 13:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Marie und Paul waren 2018 die beliebtesten Vornamen für Neugeborene in Nordrhein-Westfalen. Vornamen werden generell nach einem bestimmten Zyklus vergeben, glaubt Knud Bielefeld.

Der Namensforscher aus Ahrensburg bei Hamburg sammelt seit 20 Jahren Statistiken zu den beliebtesten Vornamen in Deutschland. Seine Theorie: Die Namen der Urgroßeltern seien nicht negativ behaftet. So sind heute Vornamen beliebt, die auch vor 100 Jahren vergeben wurden.

Dass altmodische Namen wieder im Trend sind, erkennt auch Karin Oestermann aus dem Standesamt in Werne. „Früher gab es zum Beispiel eine Tante Mia. Heute heißt die spätere Generation auch so und das sorgt dafür, dass diese Namen nicht in Vergessenheit geraten“, erklärt sie. Auch der Trend zu kurzen Namen wie Mia, Paul, Karl, Mats oder Finn sei in der Lippestadt zu erkennen. Oft kam auch der Name Sophie oder Sophia vor. Viele Mädchennamen enden auch auf „a“, erzählt sie. Ein Trend, der deutschlandweit zu erkennen ist.

Jacqueline und Jason werden seltener

Während vor einigen Jahren einige Eltern in Werne ihre Kinder Jacqueline oder Jason nannten, sei dies heute seltener der Fall, so Oestermann. Außergewöhnliche Namenswünsche hätte es in der Vergangenheit im hiesigen Standesamt nicht gegeben. Zum Glück. „Die Werner Bürger sind da sehr umsichtig. Sie sind auf dem Boden geblieben. Hier gibt es keinen Luke Skywalker oder so“, sagt Oestermann. So musste noch kein Name abgelehnt werden.

Was bei dem Blick auf die aktuellen Namen aus dem Jahr 2018 zu erkennen ist, ist die große Vielfältigkeit. „Es gibt nicht mehr nur die zehn Namen, aus denen ausgewählt wird. Es gibt überall Namensanregungen. Die Eltern wollen dem Kind dann zum Beispiel keinen Namen geben, den jeder hat. Es soll ein schöner Name sein und etwas Besonderes“, erzählt Oestermann. Und es dürfen gern auch zwei Vornamen sein. „Den vergeben die Eltern zum Beispiel zu Ehren der Oma.“ Kein Wunder also, dass die Hitliste der Namen nun mit Emma, Emil oder Sophia und Paul angeführt wird. Das deckt sich mit den nun veröffentlichten beliebtesten Namen in NRW, Paul und Marie.

Doch welche Namen waren früher in Werne beliebt? Ein Blick in verstaubte, alte Standesbücher im Stadtarchiv Werne zeigt die Namen, die im Jahr 1906 vergeben wurden. Wenn die Theorie, die Namensforscher Knud Bielefeld aufgestellt hat, auf für Werne zutrifft, müssten die Namen nun wieder in Kindergärten und Schulen auftauchen.

Die Top-Ten der Namen bei Jungen im Jahr 1906:

1. Heinrich (23)

2. Theodor (20)

3. Wilhelm (16)

4. Joseph (13)

5. Bernhard (12)

5. Franz (12)

6. Friedrich (10)

7. Johann (8)

8. Anton (5)

9. Hermann (4)

9. August (4)

10. Ferdinand (3)

10. Karl (3)

10. Franziskus (3)

Die Top-Ten der Namen bei Mädchen im Jahr 1906:

1. Maria (22)

2. Elisabeth (16)

3. Anna (13)

4. Wilhelmina/e (8)

4. Josephina/e (8)

5. Bernhardina (7)

5. Johanna (7)

6. Theodora (6)

7. Antonia (5)

8. Gertrud (4)

8. Katharina (4)

9. Franziska (3)

9. Christina (3)

9. Henrietta (3)

10. Agnes (2)

10. Paula (2)

Im Jahr 1906 kamen 164 Kinder in Werne zur Welt. 69 Mädchen und 95 Jungen wurden beim Standesamt gemeldet. Fast alle Kinder haben zwei, oder teilweise auch drei, Vornamen bekommen. Nur 43 Kinder hörten auf einen Namen. Vor allem die Kombinationen Anna Maria oder Maria Anna (6 Mal vergeben) sowie Friedrich Wilhelm oder Heinrich Friedrich (4 Mal vergeben) waren seinerzeit beliebt. Wer sein Kind hingegen Elisabeth nannte, beließ es oft bei dem einen Namen. (7 Fälle).

Sind die Namen Heinrich, Theodor, Wilhelmina und Maria wie vor 100 Jahren wieder beliebt?

Der Blick in das Geburtsregister von 1906 zeigt die damals typischen Vornamen, die Neugeborene in Werne bekommen haben. © Andrea Wellerdiek

Alle Kinder hießen gefühlt Theodor und Elisabeth

Dass die Top-Ten-Liste mit Namen, die nur zwei oder drei Mal vergeben wurden, auf den zehnten Plätzen endet, zeigt, dass die Auswahl an Namen im Jahr 1906 sich auf einige wenige beschränkte. Gefühlt hießen alle Kinder in Werne zu dieser Zeit, Anna Maria, Elisabeth, Friedrich oder Theodor. Experimentierfreudig waren die Eltern seinerzeit nicht gerade. Ein Elternpaar war auch nicht besonders einfallsreich: Ihren Sohn nannten sie Heinrich Friedrich (Rufname Heinrich). Der Vater hieß Friedrich Heinrich (Rufname Friedrich).

Ein Vorname, den ein Junge bekommen hat, musste gar geändert werden: Walter durfte nicht mehr nur Walter heißen. Das zeigt ein Eintrag am 17. August 1938. Demnach gab es eine Verordnung des Gesetzes von Familien- und Vornamen, das am 1.1.1939 wirksam ist. „Der Knabe bekommt zusätzlich den Vornamen Israel.“ Der Familienname ist Blumenthal, israelistische Religion. Die Verordnung zielte darauf ab, jüdische Deutsche anhand der Vornamen kenntlich zu machen. Vier Jahre später stirbt Walter Israel in Münster - mit 36 Jahren.

Sind die Namen Heinrich, Theodor, Wilhelmina und Maria wie vor 100 Jahren wieder beliebt?

Walter wurde 1906 in Werne geboren. 1938 bekam er den zweiten Namen „Israel“ hinzu. Jüdische Bürger wurden so kenntlich gemacht. © Andrea Wellerdiek

„Vornamenlandschaft wird individueller“

Die Namen, die um die Jahrhundertwende dem Zeitgeist entsprachen, sind heute nicht beliebt - zumindest nicht in Werne. Weder 2006 noch in diesem Jahr wurden Heinrich, Wilhelm, Joseph und keine Elisabeth, Wilhelmina oder Bernhardina geboren. In diesem Jahr wurde ein Junge Theodor genannt, ein Mädchen Anastasia-Maria und ein anderes Josephine. Die in diesem Jahr am meisten vergebenen Namen waren Felix, Finn, Paul und Ella und Mathilda. Allerdings sind diese Vornamen lediglich dreimal vertreten.

Die meisten der aufgeführten 151 Namen (Stand Ende September) wurden nur einmal vergeben. Das bestätigt den deutschlandweiten Trend. „Die Vornamenlandschaft wird individueller, der Vorrat an vergebenen Namen immer größer“, sagt Namensforscher Knud Bielefeld. Ein Klassiker, der über Jahrzehnte hinweg beliebt sei, sei Anna, sagt er. In Werne wurde 2018 ein Kind bislang so genannt, in 1906 waren es 13 (Platz 3 der Hitliste).

Sind die Namen Heinrich, Theodor, Wilhelmina und Maria wie vor 100 Jahren wieder beliebt?

Bei der Wahl der Vornamen gab es seit 1935 einige Beschränkungen. Kinder deutscher Staatsangehöriger sollten grundsätzlich nur deutsche Vornamen erhalten. Typisch jüdische Vornamen waren seinerzeit für deutsche Kinder untersagt. © Andrea Wellerdiek

Förderung des Sippengedankens

Die Wahl des Vornamens ist keine leichte Entscheidung. Falls sich die Eltern nicht einigen konnte, galt Mitte der 30er-Jahre übrigens, dass der Vater entscheidet. So steht es in einem Familienstammbuch, das aus dieser Zeit stammt. Eine weitere Anmerkung seinerzeit: „Kinder deutscher Staatsangehöriger sollen grundsätzlich nur deutsche Vornamen erhalten. Es dient der Förderung des Sippengedankens, wenn bei der Wahl der Vornamen auf in der Sippe früher verwendete Vornamen zurückgegriffen wird.“ Auch typisch jüdische Vornamen dürfen Kindern deutscher Staatsangehöriger nicht beigelegt werden, heißt es dort.

Auf den beiden nachfolgenden Seiten sind Jungen- und Mädchenvornamen aufgelistet. Darüber steht: „Deutschen Kindern, deutsche Namen!“ Die Namen sind unterteilt in „Deutsche Vornamen“ und „Vornamen fremden Ursprungs“. Zu Letzteren gehören etwa die Namen Anton, Benedikt, Emil, Theodor, Gabriel, Julius, Kasimir, Lorenz oder Raphael. Bei den Mädchen sind es etwa die Namen Agnes, Cäcilia, Emilie, Franziska, Josephine, Leonore, Olga, Theresia oder Viktoria. Während seinerzeit zwei Seiten für Jungen- und Mädchennamen reichten, füllen die Vornamen-Vorschläge heute mehrere Seiten des Stammbuches. Auch ein Hinweis für eine größere Namen-Vielfalt.

Sind die Namen Heinrich, Theodor, Wilhelmina und Maria wie vor 100 Jahren wieder beliebt?

„Deutschen Kindern, deutsche Vornamen!“ - so stand es in einem Familien-Stammbuch Mitte der 30er-Jahre. © Andrea Wellerdiek

Namensänderungen kommen beim Standesamt Werne heute selten vor, wie Mitarbeiterin Karin Oestermann erklärt. Dabei geht es vor allem um Namensangleichungen. „Aus einer Agnieszka macht man eine Agnes“, nennt Oestermann ein Beispiel. Vor allem Spätaussiedler haben in den 90er-Jahren häufiger ihre Namen geändert.
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