Weihnachtsgeschenke durchbrechen schnell die 1000-Euro-Schallmauer

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Wie viel geben die Bürger im Durchschnitt für Weihnachtsgeschenke aus? Wir haben uns umgehört und dabei Erstaunliches erfahren. Der Handelsverband prognostiziert in diesem Jahr Rekorde.

von Julian Reimann

Werne

, 07.12.2018, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den Wochen bis Weihnachten werden die Innenstädte wieder von Passanten bevölkert, die nach den richtigen Geschenken Ausschau halten. Dabei gehen die Vorstellungen, wie viele Geschenke gekauft werden sollten und vor allem zu welchem Preis, deutlich auseinander.

Familie gibt um die 1000 Euro aus

Generell gilt scheinbar das Offensichtliche: Je größer die Familie und der engere Freundeskreis ist, desto mehr geben die Menschen für die Weihnachtsgeschenke aus. Anja Nieß (46) aus Werne ist Mutter dreier Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren und hat alle Hände voll zu tun, die richtigen Geschenke auszusuchen und zu besorgen. Bei drei Kindern komme da eine ganze Menge zusammen.

„Abweichungen nach oben sind nicht unüblich.“
Thomas Schäfer, Handelsverbandes NRW

„Mein Mann und ich haben uns vor ein paar Jahren eine Grenze von 150 Euro pro Kind gesetzt“, erzählt sie. „Je nach Wünschen kann es aber auch mal ein bisschen mehr werden.“ Dennoch sind es nur für die Kinder knapp 450 Euro, die für Geschenke einkalkuliert sind. Doch damit nicht genug: „Für meine Eltern, meine Schwiegereltern, unsere Geschwister und zwei enge Freunde kaufen wir auch jedes Jahr Geschenke ein.“

Die fallen dann zwar deutlich kleiner und günstiger aus, doch kommen in der Summe gut und gerne bis zu 300 Euro zusammen. „Mein Mann und ich schenken uns deswegen manchmal nur eine Kleinigkeit“, so Nieß. Ohne die eigene Zurückhaltung und die Festlegung von maximalen Ausgaben könne sie sich vorstellen, schnell bei 1000 Euro an Ausgaben für Weihnachtsgeschenke zu liegen.

Laut Statistik: Durchschnittlich 427 Euro für Geschenke

Glaubt man der Statistik, die die FOM Hochschule Dortmund aufgestellt hat, gibt der Deutsche im Durchschnitt 472 Euro für Weihnachtsgeschenke aus. Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen (Westfalen-Münster), gibt zu bedenken, dass auch diejenigen eingerechnet sind, die wenig oder sogar gar nichts für Geschenke ausgeben. „Gerade Abweichungen nach oben sind nicht unüblich“, so Schäfer auf Anfrage der Redaktion.

„Wir rechnen sogar damit, dass dieses Jahr bundesweit die 100 Milliarden Euro Grenze überschritten wird“, berichtet Schäfer weiter. Damit würden die weihnachtlichen Ausgaben einen neuen Rekord erreichen. Gerade diese Kommerzialisierung von Weihnachten beklagen viele Kunden und greifen daher zu drastischen Mitteln indem sie einfach keine Geschenke kaufen.

Verzicht auf Geschenke ist mittlerweile Trend

Michelle Zeltter (34) und ihr Freund machen es seit mittlerweile drei Jahren genau so. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass wir nicht in einen Kaufrausch verfallen, nur weil Weihnachten ist“, erzählt sie. „Uns ist es viel wichtiger, dass wir die Tage bewusst zu zweit, mit der Familie oder Freunden genießen. Stress haben wir sonst das ganze Jahr über genug.“

Das so eingesparte Geld wird dann für Restaurant-Besuche oder für Tagestrips an den Feiertagen genutzt. Um nicht den Eindruck zu vermitteln, nichts schenken zu wollen aber trotzdem Geschenke entgegen zu nehmen, lassen sie sich auch selber nichts schenken. „Wir haben unseren Familien und Freunden gesagt, dass sie das Geld, das für Geschenke ausgeben wollten, an Organisationen oder Vereine spenden sollen. Eigentlich halten sich auch bis jetzt alle daran.“

Den Trend, bewusst weniger oder sogar gar keine Geschenke zu kaufen, nimmt man auch beim Handelsverband NRW wahr. „Wir bekommen immer häufiger Rückmeldungen, dass sich Verbraucher dazu entscheiden, auf kommerzielle Weihnachten zu verzichten und sich lieber auf die ursprünglichen Werte des Festes zu besinnen“, so Schäfer. Bisher sei es aber kein „gefährlicher“ Trend für den Einzelhandel.

Viele Geschenke werden an Aktionstagen gekauft

Ein größeres Problem, das auch schon lange bekannt ist, ist da schon eher der Online-Handel. Denn die Werte, die bei Umfragen oder Statistiken erhoben werden, gelten keineswegs nur für den Einzelhandel, sondern auch für Online-Käufe. „Die Passanten in den Städten werden zwar nicht weniger, doch sind Passanten noch keine Kunden“, erklärt Schäfer. „Im Umsatz merken einige Händler tatsächlich einen Rückgang, seit sich der Online-Handel etabliert hat.“

Gerade, wenn Geschäfte versuchen, mit Online-Angeboten mitzuhalten, würden sie sich selbst auch ein bisschen Umsatz wegnehmen. Beste Beispiele seien hier Aktionen wie der „Black-Friday“ oder der „Cyber-Monday“. Geschäfte hätten diese Formen von Händlern wie Amazon übernommen und verringern durch das Rabattieren der eigenen Produkte auch das Einkommen. „Wenn alle dann an solchen Tagen einkaufen gehen, wird in der Vorweihnachtszeit ab dem ersten Advent weniger gekauft“, so Schäfer.

Nicht jeder kann viel Geld für Geschenke ausgeben

Manchmal stecken aber auch einfach praktische Gründe dahinter, dass Kunden solche Aktions-Tage nutzen, um für das gleiche Geld mehr zu bekommen. Leon Becker (20) zum Beispiel ist Azubi und hat nicht genug Geld zur Verfügung, um für alle, die er beschenken möchte, auch tatsächlich Geschenke zu kaufen. „Weihnachten ist eine herausfordernde Zeit, da man versucht, alle irgendwie zu beschenken, ich persönlich aber sehr stark auf mein Geld achten muss“, erzählt Becker.

„Weihnachten ist eine herausfordernde Zeit.“
Leon Becker, Azubi

Daher müsse man Abstriche machen, auch wenn man eigentlich viel mehr Menschen eine Freude bereiten würde. „Unter Freunden schenken wir uns gar nichts. Und meine Eltern sowie meine Schwester und ihr Freund bekommen oft nur ein gemeinsames Geschenk.“ Auch ihnen würde er gerne ihre Wünsche erfüllen, doch hat er nicht die finanziellen Möglichkeiten.

Insgesamt scheinen die Beträge für Weihnachtsgeschenke, die auf Anfrage der Redaktion genannt wurden, im Schnitt unter der von der FOM erwarteten Summe von 472 Euro zu liegen. Auch einen größeren Ansturm auf die Geschäfte in Werne hat es noch nicht gegeben. Man sei bisher „zurückhaltend zufrieden“ mit dem aktuellen Weihnachtsgeschäft, fasst Hubertus Waterhues die Einschätzungen des Verbandes der Einzelhändler zusammen. „Wir liegen in der Frequenz noch zurück, befinden uns aber immer noch auf dem richtigen Weg“, so Waterhues weiter. Die gewünschten Kundenzahlen werden dann in den kommenden Wochen erwartet.

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