Werner Schüler bringen Flüchtlingen Deutsch bei

Harter Unterricht

Sie sind Schüler und Lehrer zugleich: die Werner Lorenz Stöcklein und Julius Hartung. Die beiden unterrichten Flüchtlinge und bringen ihnen Deutsch bei. Dabei sind sie strenger als mancher ihrer Lehrer. Wir haben eine Unterrichtsstunde besucht.

WERNE

, 18.12.2015, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Werner Schüler bringen Flüchtlingen Deutsch bei

Julius Hartung schaut seinen Schülern über die Schulter.

„Zeig' mal deine Hausaufgaben“, sagt Lorenz Stöcklein (18): freundlich, aber bestimmt. Abdul Bazais Gazaeru, der eigentlich längst kein Schüler mehr ist, sondern Wirtschaftsstudent aus Syrien, zieht gehorsam sein Heft aus der Tasche und schlägt auf. „Während ich mir das angucke, mach bitte die Grammatikübung auf der nächsten Seite.“ Beide wissen: Auf dem Weg zum guten Deutsch ist keine Zeit zu verlieren.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Werner Schüler bringen Flüchtlingen Deutsch bei

Sie sind Schüler und Lehrer zugleich: die Werner Lorenz Stöcklein und Julius Hartung. Die beiden unterrichten Flüchtlinge und bringen ihnen Deutsch bei. Dabei sind sie strenger als mancher ihrer Lehrer.Wir haben eine Unterrichtsstunde besucht.
18.12.2015
/
Julius Hartung erklärt Grammatik.© Foto: Sylvia vom Hofe
Lorenz Stöcklein (l.) geht mit Abdul Bazais Gazaeru die Hausaufgaben durch.© Foto: Sylvia vom Hofe
Julius Hartung (M.) schaut zu, wie die Brüder Mohammed und Omar Hachim Aufgaben lösen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Julius Hartung (M.) schaut zu, wie die Brüder Mohammed und Omar Hachim Aufgaben lösen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Julius Hartung schaut seinen Schülern über die Schulter.© Foto: Sylvia vom Hofe
Lorzenz Stöcklein betreut an diesem Tag Abdul (25), der schon fortgeschritten ist.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nicht nur zuhause, sondern auch während des Unterrichts sind Aufgaben im Übungsbuch zu machen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Julius Hartung (l.) und Lorenz Stöcklein (r.) im Gespräch mit Abdul, der nach fast viermonatigem Unterricht bei den beiden schon gut Deutsch spricht.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eine Übersetzungshilfe hat Julius Hartung selbst zusammengestellt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mohammes Hachim ist 17. Er will möglichst schnell besser Deutsch sprechen, um dem Unterricht am Gymnasium dann besser folgen zu können.© Foto: Sylvia vom Hofe
Omar Hachim (15) ist ohne die Eltern, sondern mit zwei älteren Brüdern nach Deutschland gekommen. Er besucht das Christophorus-Gymnasium.© Foto: Sylvia vom Hofe
Abdul Bazais Gazaeru (25) hat in Syrien Wirtschaft studiert. Der Krieg in seiner Heimat hat ihm aber alle Zuknftshoffnungen dort genommen. Jetzt hofft er, bald sein Studium in Deutschland fortsetzen zu können.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die deutsche Grammatik ist ganz schön schwer.© Foto: Sylvia vom Hofe
Julius Hartung an der Tafel.© Foto: Sylvia vom Hofe
Schlagworte Werne

„Wir haben von vorneherein gesagt, dass der Unterricht kein Spaß wird“, sagt Julius Hartung (17), während er die Tafel im Obergeschoss des St.-Christophorus-Gymnasiums putzt. Schulleiter Jörgen Vogel hat den Klassenraum seinen beiden Abiturienten und deren Schülern für jeweils zwei Nachmittage in der Woche zur Verfügung gestellt. „Erst waren wir in dem Flüchtlingswohnheim hier am Gymnasium“, sagt Julius Hartung und schreibt gleichzeitig mit weißer Kreide „Maskulinum“, „Femininum“, „Neutrum“ an das frische Grün. „Aber da war es einfach zu laut.“

Lehrer stehen selbst vor dem Abitur

Julius und Lorenz, die im nächsten Frühjahr ihr Abitur machen wollen, fordern Ruhe, Konzentration und Einsatz. Die Voraussetzungen, um das hochgesteckte Ziel zu schaffen: Abdul und die beiden anderen Syrer, die in ihrer Heimat Wirtschaft studiert haben, sollen möglichst schnell sprachlich so fit sein, dass sie an einer deutschen Uni ihr Studium fortsetzen oder eine Ausbildung beginnen können.

Nach drei Monaten steht fest. „Das klappt sehr gut“, sagt Abdul. „Wir kommen schnell voran.“ Im September hat er nur wenige Floskeln gekannt. Gerade diskutiert er mit Lorenz und Julius über das deutsche Krankenkassenwesen. Vor wenigen Wochen sind auch Omar (15) und Mohammed (17) dazugekommen, zwei Brüder, die das Christophorus-Gymnasium besuchen. Mathematik und Physik seien da kein Problem, die Geisteswissenschaften aber schon – noch. Dank des Unterrichts der älteren Mitschüler werde das schon täglich besser.

Jetzt lesen

Warum sich Julius und Lorenz so engagieren trotz eigenem Klausurstress? „Ich würde mich ja auch über Hilfe freuen, wenn ich im Ausland neu Fuß fassen müsste“, sagt der Erste. „Natürlich denkt man immer daran, welch ein Glück wir hier haben“, ergänzt der Zweite: Krieg und Entbehrung – „das kennen wir nur aus den Medien.“

Fußball spielen und ins Kino gehen

Längst geht es nicht nur um Grammatik und Vokabeln: „Inzwischen treffen wir uns auch außerhalb der Schule – zum Fußballspielen oder zum Kinobesuch“, sagt Lorenz. Dass die jungen Syrer etwa „Star Wars“ überhaupt nicht kannten, „hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt Julius. Er hat sich vorgenommen das zu ändern – mit der ihm typischen Entschlossenheit.

Lehrer wollen übrigens beide Abiturienten nicht werden. Julius Hartung strebt ein BWL-Studium an, Lorenz Stöcklein will Arzt werden. Vielleicht treffen sie an der Uni ihre syrischen Schüler wieder – dann als Kommilitonen. Und als Freunde sowieso.

Jetzt lesen

 

Lesen Sie jetzt