Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Dort, wo sich nach Plänen des Kreises Anfang der 1990er-Jahre teils giftiger Müll stapeln sollte, gedeiht heute die Natur. Das ist vor allem das Verdienst von zwei Zugezogenen.

Werne

, 20.07.2018 / Lesedauer: 7 min

Werne-Horst ist ein besonderer Teil der Stadt. Besonders wegen der hier lebenden Menschen. Die Horster sind bekannt dafür, dass sie sich nicht alles gefallen lassen und sich für ihren Ort einsetzen. Ganz massiv einsetzen, wenn es sein muss. So wie in den 1990er-Jahren, als sie es vollbrachten, dass sich im Gelände um den Bach Düsbecke – zwischen der Autobahn, der Nordlippestraße und der Wesseler Straße – anstatt einer erst geplanten Restmülldeponie heute eine Naturschutzgebiet ausbreitet.

Rechtskräftig ist das Areal seit Dezember 1999 ein Naturschutzgebiet. Die ganze Geschichte fing jedoch bereits im Jahr 1990 an.

Kreis beschließt einen Haufen Müll

In den Jahren 1990 und 1991 beschloss der Kreis Unna einen Haufen Müll für Werne-Horst – im wörtlichen Sinne – da man vorhatte, dort eine neue Reststoffdeponie zu errichten. Für die Bürgerinitiative Düsbecke allerdings auch im übertragenen Sinne ein Haufen Müll.

Der Kreis Unna suchte 1990 zunächst nach einem geeigneten Gelände für die Reststoffdeponie. Einer Mülldeponie, die also unter anderem Industrieabfälle lagert. Nach mehreren Untersuchungen legte der Kreis sich im Juni 1991 auf das Gebiet der Düsbecke fest.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

Es bestand die Sorge, dass die Lippestadt zur Müll-Stadt mutiere. © RN-Archiv

Die offizielle Begründung für die Wahl lautete, dass die hydrologische Beschaffenheit des Bodens am besten wäre, die sehr gute Verkehrsanbindung an das Gelände und eine geringe Beeinträchtigung der Bevölkerung.

Gnadenlos unterschätzt

Die späteren Initiatoren der Bürgerinitiative Düsbecke, Heidrun und Hermann Steiger (heute beide 75), zogen im Dezember 1989 nach Horst. Sie kamen aus Paderborn, waren also noch unbekannte Gesichter im Ort. „Wir sind nach Horst gezogen und erfuhren kurz danach, dass etwa 600 Meter von unserem Wohnort eine Deponie entstehen soll“, erinnert sich Heidrun Steiger.

Das stieß ihnen sauer auf. Die BI-Mitglieder waren sich später sicher, dass die vornehmlichen und unausgesprochenen Gründe für die Wahl der Düsbecke eher die waren, dass das Gelände leicht zu erwerben war, da der Haupteigentümer sehr daran interessiert war, sein Ackerland günstig zu verkaufen. Außerdem lag der Deponiestandort in der einzigen CDU geführten Kommune des Kreises – der Rest war von der SPD dominiert.

Bei etwa 500 Horster Bürgern (das macht etwa 0,2 Prozent der Einwohnerzahl des Kreises aus) rechneten die Entscheider kaum mit Widerstand – vor allem nicht mit dem massiven Widerstand, der dann folgte.

BI organisiert sich

Bereits im März 1990 gründete sich die Bürgerinitiative Düsbecke, mit der Vorsitzenden Heidrun Steiger. Schnell wurde den Begründern klar, dass man sich erst einmal selbst besser informieren müsse. „Wir wussten damals einfach nicht genug“, meint Hermann Steiger. Wenn man mit Planern streiten wolle, müsse man natürlich Ahnung haben, erklärt er.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

RN-Artikel vom 26. Januar 1991: Bürgerinitiative und CDU einig: Das ist ein Trick oder Falschspiel © Wilco Ruhland

Heidrun Steiger nahm zwei Jahre lang, einmal im Monat, an einem Arbeitskreis für die Schulung von Deponiegutachtern teil und gab ihr Wissen auch an ihren Mann weiter. Sie überprüften die Gutachten des Kreises für das Gelände der Düsbecke. Dass an dem Standort etwas nicht stimmte, „da konnte man schnell drauf kommen“, so Hermann Steiger. „Das ganze Mengengerüst stimmte nicht.“

Ein Dorf lehnt sich auf

Nachdem 1991 der Kreistag den Plänen für den Bau auf dem Gelände der Düsbeckeniederung zustimmte, kaufte der Kreis das Gelände und führte vertiefende hydrologische, biologische, klimatologische und weitere Untersuchungen durch.

Bereits ein Jahr später (1992) sollte die Errichtung der Deponie beginnen. So war zumindest der Plan. Die Bürgerinitiative, die zu ihrer Hoch-Zeit rund 360 Mitglieder hatte, formierte den massiven Protest.

Mit aller Kraft verzögern

„1991 waren wir wirklich überzeugt davon, dass die Deponie dort nicht sein muss“, sagt Heidrun Steiger. Bei dem Protest hatten sie auch eine genaue Taktik. Ein Anwalt riet ihnen: „Je länger man das Ganze rausschiebt, desto besser“, erinnert sich Hermann Steiger.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

RN-Artikel vom 6. März 1992: Politiker hilflos - Bürger zu Protest-Sturm bereit. © Wilco Ruhland

Und das taten sie nach allen Kräften. Immer wieder sabotierten Mitglieder der BI die Untersuchungen und gaben sich jede Mühe, durch „alle möglichen legalen und manchmal vielleicht grenzwertigen Maßnahmen“ das Ganze zu verzögern, wie es im kurzen Ratgeber heißt, den die BI Düsbecke für andere Bürgerinitiativen schrieb.

Vielleicht grenzwertige Maßnahmen

Was waren diese Maßnahmen? Bei der Frage danach schmunzeln die Initiatoren heutzutage. Man sieht ihnen an, wie viele Erinnerungen in ihnen hervorsprudeln.

Getestet wurden damals seitens der Kreisgutachter unter anderem die Luft, das Wasser und das Abwasser. So gab es etwa aufgestellte Töpfe, die den Niederschlag messen sollten. „Plötzlich war der Topf voll mit Sand und keiner weiß warum“, erinnert sich Heidrun Steiger mit einem Lachen.

Parallel zu den Plänen des Kreises an der Düsbecke gab es seitens der Bezirksregierung Arnsberg Pläne für eine Sondermülldeponie bei Haus-Hölting. Zwei Deponien für Gift-Müll in der Lippestadt sollten also entstehen. Auch hier formierte sich massiver Protest durch die Bürgerinitiative Haus-Hölting um Martin Hülsbusch. Die beiden Initiativen und auch die Stadtverwaltung gaben alles dafür, beide Deponien zu verhindern. Die Sorge war, dass die Lippestadt zur „Müll-Stadt“ mutierte.

Werne hält zusammen

Die beiden Initiativen erhielten viel Unterstützung. Etwa seitens der Stadtverwaltung, die immensen Aufwand für die erste Einwohnerversammlung in Wernes Stadtgeschichte im Kolpinghaus im März 1992 betrieb. Die Stadt sah keine großen Erfolgschancen bei einer eigenen Klage und förderte somit den Protest der Bürger.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

RN-Artikel vom 25. November 1992: Kaufleute wollen mit 10.000 Mark Stein ins Rollen bringen © Wilco Ruhland

Unterstützung gab es auch seitens der Geschäftsleute der Aktionsgemeinschaft Werne, die im November 1992 10.000 D-Mark an beide Initiativen spendete und Spendenkonten anlegte, damit Bürger ihrem Beispiel folgten. Durch solche Einnahmen konnte die BI Düsbecke etwa eigene Gutachten finanzieren, um die des Kreises professionell zu überprüfen.

Menschenmassen blockieren Straßen

Am Samstag, 26. September 1992, formierten die beiden BI‘s einen Protestmarsch mit rund 5400 Personen – dabei auch Protestierer aus Herbern, Nordkirchen und Capelle. Damit übertraf man die angemeldete Zahl von 3000 Teilnehmer überaschend um Längen.

Die BI Düsbecke unternahm auf ihrer Route – bevor man sich zusammenschloss – spontan eine Änderung und blockierte mit der Nordlippestraße den Autobahnzubringer, bevor man gemeinsam in die Innenstadt zog. Auch wenn die Polizei dies mit Argwohn beobachtete, eskalierte die Situation nicht. An diese Situation erinnert sich Heidrun Steiger gerne.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

RN-Artikel vom 29. September 1992: 5400 Menschen blockierten die Straßen © Wilco Ruhland

Der Plan geht auf

Durch viele Aktionen, wie weitere Protestmärsche, die Verzögerungsmaßnahmen und die durch das angesammelte Wissen genauen und kritischen Analysen der Ergebnisse und Bewertungen der Kreisgutachter durch die Initiative, erreichte sie, dass die Vorbereitungen nicht so zügig wie geplant vonstatten gingen und der Kreis seine Planungen immer wieder „nachbessern“ musste.

Somit waren die Untersuchungen erst im Sommer 1995 abgeschlossen – anstatt wie geplant drei Jahre vorher. Im November 1995 sollte das Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden. Doch die Zeiten hatten sich geändert.

Die Gründe für die Planänderung

Die Deponie erwies sich plötzlich als überflüssig. Das hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen drastisch zurückgehende Abfallmengen. Darauf hatte die BI spekuliert. Die Devise lautete: „Hauptsache Zeit gewinnen“, erinnert sich Hermann Steiger. Der Umweltgedanke nahm zu dieser Zeit einen immer größeren Stellenwert ein.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

Eindeutige Protestschilder im Gemeindehaus Martin Luther Kirche © Archiv

Das Zweite war eine veränderte Rechtslage. Die Abfalllagerung war neuerdings nicht mehr an die Kreise gebunden und somit konnte für die anfallenden Reststoffe auch auf Deponien aus anderen Kreisen beziehungsweise kreisfreien Städten wie Dortmund zurückgegriffen werden.

Der Kreistag beschloss im Juli 1995 die Planungen für die Errichtung der Reststoffdeponie auf Eis zu legen. Zurücklehnen konnte man sich bei der BI damals aber noch nicht, wie die Steigers erklären. „Das schwelte damals noch.“ Doch schließlich, im Sommer 1998, starb der Plan endgültig. Zwei Jahre zuvor hatte sich auch das Vorhaben für die Sondermülldeponie bei Haus-Hölting erledigt.

Naturschutzgebiet und Sperrgrundstück

Dass nicht nur einfach der Bau der Restmülldeponie verhindert, sondern das Gebiet auch noch unter Naturschutz gestellt wurde, ist im Endeffekt mehr als damals von der BI erhofft. „Das konnten wir gar nicht so planen“, meint Hermann Steiger. Die Frage nach der erfolgreichen Verhinderung der Deponie war: was passiert jetzt mit dem Gebiet? Eine potenzielle Gewerbefläche war auch nicht das, was die Bürgerinitiative Düsbecke wollte.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

RN-Artikel vom 4. Oktober 1998: Verein kann jetzt Fläche an der Düsbecke kaufen © Wilco Ruhland

Auch hatte man die Sorge, dass der entstehende Autohof auf einer Fläche von circa 5 Hektar sich eines Tages ausweiten würde. Eine grundsätzliche Verhinderung des Autohofes strebten sie allerdings nicht an, da sie auch dem Kreis etwas zugestehen wollten.

Die Stadt Werne erwarb schlussendlich große Teile des Gebietes, um es als Ausgleichsmaßnahme in ein Naturschutzgebiet zu überführen. Zwischen dem Grund der Stadt und dem Autohof erhielt die Bürgerinitiative vom Kreis einen Streifen von etwa einem Hektar. Dieser Streifen dient als Sperrgrundstück, um möglichen Expansionen des Autohofes vorzubeugen.

Kreis Unna ist heute dankbar

Heute ist der Kreis Unna der Bürgerinitiative Düsbecke dankbar, dass sie ihm viel Geld gespart hat (rund 90 Millionen Euro) und gibt auch zu, dass die Protestierer richtig lagen.

„Im Nachhinein gebe ich den Horstern recht“, gestand Landrat Michael Makiolla im Mai diesen Jahres, bei einem Ortsrundgang durch Werne-Horst gegenüber dem Vorsitzenden des Vereins „Dorfgemeinschaftshaus Horst und Wessel“, Herbert Schulze-Geiping, ein. Makiolla dankte ihnen mit einer spontanen Spende für ihr Engagement.

„Nichts geschenkt worden“

Das damalige Vorstandsmitglied Heinz Mürmann meint: „Wir hatten aus der Bevölkerung direkt viel Unterstützung, da die Leute die Gefahren erkannt haben. Das hat sich natürlich alles gelohnt.“ Ob man irgendwo auch die Zeit vermisse? „Vermissen kann man nicht sagen, wir sind gefühlt alle drei Tage vorzeitig gealtert“, meint Mürmann mit einem Lachen und spielt auch auf die stressige Zeit an.

Wie die rebellischen Horster die geplante Restmülldeponie Düsbecke verhindert haben

Dr. Hermann Steiger (v.l.), Heidrun Steiger, Heinz Mürmann, Herbert Schulze-Geiping (Vorsitzender DGH) und Hermann Josef Reckers heute. © Wilco Ruhland

„Uns ist damals nichts geschenkt worden“, sagt Heidrun Steiger, die 1994 sogar in den Kreistag (vornehmlich für den Umweltausschuss) gewählt wurde. Es habe einige Stolpersteine gegeben. Es waren nicht nur unterstützende Stimmen aus der Bevölkerung zu hören, „aber wir sind nicht gestolpert“, so Heidrun Steiger voller Stolz.

2017 hat sich die BI aufgelöst. Die Restaktivitäten – wie die von der BI initiierte Müllsammelaktion, die es bis heute gibt – und auch das Vermögen der BI wurden an den Förderverein Dorfgemeinschaftshaus mit dem Vorsitzenden Herbert Schulze-Geiping übertragen. Damit alles in Horst bleibt.

Jetzt lesen

  • Hermann und Heidrun Steiger gründeten 2013 den Arbeitskreis Flüchtlinge der Lokalen Agenda Werne, in dem sie aktuell aktiv sind.
  • Hermann Steiger ist Sprecher des Vereins.
  • In diesem Arbeitskreis bemühen sich die Steigers in ihrem Ruhestand um Integration, durch etwa Sprachkurse oder Familienbetreuung.
Lesen Sie jetzt