„Als ich zehn Jahre alt war, wurden meine Eltern vor meinen Augen erschossen“

rnVortrag von Henriette Kretz

Wenn die gebürtige Polin Henriette Kretz von ihrer Kindheit unter dem NS-Regime im Zweiten Weltkrieg erzählt, sorgt sie für Fassungslosigkeit bei den Zuhörern. Der Zweck ist aber ein anderer.

von Lea Nitsch

Werne

, 05.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Meine Geschichte ist eine Geschichte von einem Kind“, beginnt Autorin Henriette Kretz (84) zu erzählen, als sie vor den Schülern der Jahrgänge 9 bis 11 des St.-Christophorus-Gymnasiums steht. „Seine Kindheit ist geprägt von drei Wörtern: Hass, Ausgrenzung und Vorurteil.“ „Warum?“, fragt sie in den Raum: „Weil das Kind jüdisch war.“

Zunächst erzählt sie von ihrem Großvater Abraham Kretz, der schon im Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Wien fliehen musste. Mithilfe einer Bilderpräsentation stellt sie nach und nach ihre gesamte Familie vor. Sie zeigt Fotos ihrer Eltern, ihrer Onkel und Tanten. „Von meiner ganzen Familie haben nur zwei Menschen überlebt“, sagt sie. „Alle anderen sind innerhalb von nur fünf Jahren ermordet worden.“

„Bei der Bombardierung war der Himmel rot und die Häuser standen in Flammen.“
Henriette Kretz

Während Hitler bereits auf dem Vormarsch in Deutschland war, lebte Kretz mit Mutter, Vater und einem Hund am Rand von Lemberg. „Mit fünfeinhalb Jahren hörte ich das erste Mal das Wort Krieg.“

Mit dem Begriff hätte sie zunächst nichts anfangen können. Erst als ihr Vater, der als Mediziner ins polnische Militär eingezogen wurde, mit einem Lastwagen voll verletzter Soldaten nach Hause kam, begriff sie in Teilen, was das Wort bedeutet. Da sei klar gewesen, dass sie und ihre Familie fliehen mussten – und das begleitet von Bombenangriffen.

„Als ich zehn Jahre alt war, wurden meine Eltern vor meinen Augen erschossen“

Henriette Kretz und Schüler der EF und Q1 des Werner Gymnasiums. © Lea Nitsch

„Bei der Bombardierung war der Himmel ganz rot. Viele Häuser standen in Flammen“, sagt Henriette Kretz. Menschen seien aus beiden Richtungen geflohen: von Westen nach Osten vor den Deutschen, und von Osten nach Westen vor den Russen. Denn: „Stalin war ein ebenso blutiger Diktator wie Hitler. Er hatte unzählige Opfer auf dem Gewissen.“

Dann beginnt die 84-Jährige, die „Maßnahmen“ zu erklären, die nach der Okkupation Polens durch die Deutschen nach und nach in Kraft traten. Sie erzählt, wie sie von ihrer Familie getrennt wurde und Unterschlupf bei Fremden fand. Diesen Menschen sei sie auf ewig dankbar, sie seien die wahren Helden.

Ein Wiedersehen im Ghetto

Sie erzählt auch von ihrer Zeit im Gefängnis und dem Moment, als sie ihre Eltern im Ghetto wiedersah. Und von dem Tag, an dem ihre Eltern vor ihren Augen erschossen wurden. „In dem Moment konnte ich an nichts denken. Ich konnte nur weglaufen.“ Dann berichtet Kretz von der Propaganda, von den Artikeln in Zeitungen und den ersten Filmen. Zwölf Jahre sei eine lange Zeit, sagt sie. „Kein Wunder, dass sie (die Soldaten) es geglaubt haben.“

Als der Vortrag endet, fragt Henriette Kretz, ob die Schüler Fragen haben. Zunächst meldet sich niemand. Alle sind zu bewegt von dem, was sie in den letzten zwei Stunden aus erster Hand erfahren haben. Die Hemmschwelle, nach einer so schlimmen Zeit zu fragen, scheint groß zu sein.

Es gibt keine Tabu-fragen

Dann fragt eine Schülerin nach dem Alter von Henriette Kretz, als ihre Eltern umkamen: „Da war ich zehn Jahre alt.“ Sie antwortet kurz und knapp, direkt und ehrlich. Sie ist hier, um ihre Geschichte zu erzählen und auf diese Weise einen Teil dazu beizutragen, dass so etwas nie wieder passiert. Da gibt es keine Tabu-Fragen.

Sie erwarte „eine Sache“, sagt Kretz zum Schluss zu den Schülern: „Dokumentieren Sie, wie die Zeit unter den deutschen Nazis war und vergessen Sie es nicht.“ Denn auch heute gebe es noch Rechtsextremismus, Kriege, Massaker, bei denen viele unschuldige Menschen ums Leben kommen. So wie damals ihre Eltern. Als Kretz 10 Jahre jung war.

Henriette Kretz wurde am 26.10.1934 in Lemberg, heute das ukrainische Lwiw, geboren. Heute lebt sie in Antwerpen, ist Mitglied des polnischen Vereins Kinder des Holocaust und für das Maximilian-Kolbe-Werk als Zeitzeugin aktiv. Im Rahmen des Zeitzeugen-Programms bereist sie verschiedene Städte und erzählt ihre Geschichte.
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